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16.04.2008

Könige des Farbenspiels

Könige des Farbenspiels

Beide haben es sich nicht leicht gemacht, beide litten unter der Kritik ihrer Zeitgenossen. Johannes Brahms etwa brauchte eineinhalb Jahrzehnte, um sich vom Anspruch freizumachen, Beethovens sinfonischer Nachfolger zu sein und schuf seine orchestralen Meisterstücke erst als reifer Mann. Anton Bruckner verfiel gar der Depression, als einer seiner Freunde eine Sinfonie harsch kritisierte. Auf der anderen Seite waren beide Komponisten Klangarbeiter mit immensem Gespür für Farben, für Dramatik und Ausdruckskraft, die sich nicht auf die Mode neudeutscher Programmmusik einließen oder sie kraft ihrer Reflexion modifizierten.

So sind sie wichtige Mittler zwischen Romantik und Moderne, die die Focus Edition Große Sinfonien mit zwei zentralen Interpreten der Opulenz präsentiert. Denn Brahms 3. und 4. Sinfonie dirigiert Segiu Celibidache und Bruckner 5 wird von Christian Thielemann einer sorgfältigen zeitgenössischen Würdigung unterzogen.

In Interviews polemisierte Segiu Celibidache (1912-1996) schon mal gegen die Schallplatte als Medium des Musiktransports. Nichts Wirkliches könne sie darstellen, weder den Raum, in dem die Musik stattfinde, noch die Singularität von Tempo, Klang, Interpretation, die einen bestimmten Abend ausmache. Daher gibt es von dem in Rumänien geborenen Interims-Chef der Berliner Philharmoniker (nach dem Krieg, vor Furtwängler), dessen Karriere erst mit dem Engagement 1979 an die Spitze der Münchner Philharmoniker richtig durchstartete, kaum Aufnahmen.

Zu den Ausnahmen gehören zwei Radiomitschnitte, die in den Jahren 1974 und 1976 mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart entstanden und den späteren Verehrer der Langsamkeit in vergleichsweise schneller Stimmung dokumentieren. Seine Interpretation der späten Orchesterwerke von Brahms, das Volume 3 der Focus Edition Große Sinfonie, können jedenfalls getrost in die vordere Reihe der Referenzaufnahmen eingereiht werden. Was hier an Farbenspiel und Differenzierung, an Emotionsglut und perfekter Klangkontrolle, an dynamischen, rhythmischen und strukturellen Nuancierungen stattfindet, ist ein Erlebnis für die Ohren. Da kann die Nachwelt von Glück sagen, dass die öffentlich-rechtlichen Orchester sich in ihrer Archivierungspflicht nicht so leicht vom Temperament eines Künstlers aus dem Konzept bringen lassen.