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09.04.2008

Karajan und Anne-Sophie

Karajan und Anne-Sophie

In einem Interview meinte die Geigerin Anne-Sophie Mutter, das Engagement Herbert von Karajans für junge Künstler sei vollkommen einzigartig gewesen. Tatsächlich lag dem Maestro der Nachwuchs schon deshalb besonders am Herzen, weil ihm selbst in seinen 16 Jahren Lehrzeit als Dirigent in Ulm und Aachen niemand zur Seite stand. Als er Mitte der siebziger Jahre der kaum 13-jährigen Violinistin begegnete, war ihm klar, dass hier ein Jahrhunderttalent der Förderung harrte. Anne-Sophie Mutter wurde daraufhin die einzige Instrumentalistin ihres Fachs, mit der er von 1976 bis zu seinem Tod 1989 im Konzertsaal und Aufnahmestudio zusammenarbeitete. Aus Anlass seines 100.Geburtstags wurden die gemeinsam entstandenen Kunstwerke in einer 5CD-Box zusammengefasst und sind nun als einheitliche, edle Edition zum günstigen Preis erhältlich.

Anne-Sophie Mutter war sieben Jahre alt, als sie 1970 den Wettbewerb "Jugend musiziert" nicht nur gewann, sondern mit einem "Ersten Preis mit besonderer Auszeichnung", der höchsten Wertung, die in diesem Rahmen jemals vergeben wurde, geehrt wurde. Der entscheidende Karriere-Schub kam jedoch 1976, als sie Herbert von Karajan auffiel, der sie nach Berlin zum Vorspielen einlud und daraufhin als Solistin mit den Berliner Philharmonikern der großen Musiköffentlichkeit präsentierte. Sie hatte wiederum ihr Debüt als junge Geigerin an der Seite des Maestros gerade hinter sich, als dieser meinte, sie solle sich doch einmal Beethovens Violinkonzert widmen.

Damals war die Künstlerin 15 Jahre alt und konnte nur schemenhaft erahnen, vor welch gewaltiger Aufgabe sie stand. Mutter begab sich mit ihrer Lehrerin Aida Stucki in Klausur, übte über Monate hinweg hauptsächlich an dem Werk und reiste daraufhin nach Luzern, um Karajan das erarbeitete Resultat vorzustellen. Die Reaktion jedoch war ernüchternd, denn der Mentor schickte seine Protegé mit dem Hinweis nach Hause, sie solle doch im kommenden Jahr wieder kommen. Die junge Frau ließ sich nicht entmutigen und tat, wie ihr empfohlen wurde.
 
So kam es anno 1980 doch zu ihrer ersten Aufnahme des Violinkonzertes, nach ausgiebigen Proben und künstlerischer Intensivbetreuung durch den Dirigenten. Für Mutter war es ein einschneidendes und prägendes Erlebnis: "Technische Probleme interessierten ihn [Karajan] dabei überhaupt nicht, er betrachtete die Dinge immer aus der Vogelperspektive, was dazu geführt hat, dass ich das Konzert auch heute noch sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Orchester anlege, denn es ist überhaupt kein virtuoses Werk. Vielleicht liegt das daran, dass der Interpret der Uraufführung, Franz Clement, kein großer Virtuose war, aber sicher hatte Beethoven mit seinem Violinkonzert nicht im Sinn, den Geigern mit technischen Mätzchen entgegenzukommen". Im Anschluss an das Beethovenerlebnis mit Karajan startete die Karriere von Anne-Sophie Mutter mit rasanter Geschwindigkeit.

War sie zuvor als talentiertes Wunderkind gepriesen worden, so wurde sie nun als herausragende Künstlerin anerkannt und konnte ihre Ruf als außergewöhnliche Geigerin international festigen. Mit Karajan ging sie immer wieder ins Studio und nahm neben dem Standardwerk von Beethoven dessen Tripple-Konzert (mit Mark Zeltser und Yo Yo Ma als Partner), zwei Violinkonzerte von Mozart (KV 216 und KV 219), die Violinkonzerte von Mendelssohn, Bruch, Tschaikowsky und schließlich das Violinkonzert und Doppelkonzert von Johannes Brahms auf. Auf diese Weise entstanden grundlegende Einspielungen dieser Werke, die fest zum Kanon der Interpretationsgeschichte gehören und bis heute nichts von ihrer Frische und Faszination verloren haben.