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19.03.2008

Der unbekannte Schweizer

Christoph Poppen, Der unbekannte Schweizer

In den frühen Werken spürt man noch deutlich den Einfluss der französischen Spätromantik nach Art von César Franck. Dann gab es eine Phase, in der der Impressionismus Debussy'scher Prägung wichtig wurde, schließlich aber fand Frank Martin seine ureigene Klangsprache in tonal orientierter Dodekaphonik, die ihn als gemäßigten Modernisten gegenüber den schillernden Experimenten seiner Zeitgenossen ein wenig in den Hintergrund treten ließ. Zu Unrecht, meint der Dirigent Christoph Poppen, und widmet dem schweizer Komponisten mit "Triptychon" die erste Aufnahme, die er mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern verwirklicht hat.
 

Für Christoph Poppen liegt es nahe, sich mit dem Werk von Frank Martin zu beschäftigen. "Meiner Meinung nach", meint der Dirigent der im vergangenen Herbst aus dem Rundfunk-Symphonieorchester Saarbrücken und dem Rundfunkorchester Kaiserslautern hervorgegangenen Deutschen Radio Philharmonie, "ist Frank Martin, in ähnlicher Weise wie Karl Amadeus Hartmann, einer der Komponisten des 20.Jahrhunderts, dem wirklich weit mehr Aufmerksamkeit gebührt. Es gibt so viel in deren Musik zu entdecken, auch für ein breiteres Publikum. Am meisten fasziniert mich Martins spezielle Mischung von tiefer religiöser Haltung, von einer abstrakten Religiosität, die auch zu einem nicht-gläubigen Publikum in gleicher Intensität spricht, und einer wundervollen stimmlichen, gesanglichen Qualität."

Frank Martin (1890-1974) hatte diese kompositorischen Besonderheiten im Laufe eines langen Künstlerlebens entwickelt und verfeinert. Geboren 1890 in der Nähe von Genf, folgte der Sohn eines calvinistischen Ministers zunächst den Berufswünschen seines Vaters und studierte Naturwissenschaften und Mathematik. Um 1910 jedoch schwenkte er um zur Musik, lebte eine Zeitlang in Zürich, Rom und Paris und kehrte schließlich nach Genf zurück, um an der von ihm gegründeten Société de Musique de Chambre als Pianist und Lehrer zu wirken. Er lehrte ein Jahrzehnt am Institut Jacques-Dalcroze, bevor ihn wiederum die Musikhochschule Köln 1950 für sieben Jahre als Professor verpflichten konnte.
 
Bis etwa 1930 entwickelte Martin seine Tonsprache auf der Basis der französischen Orchesterklassik der Moderne, um daraufhin unter dem Eindruck der Zwölftonmusik einen individuellen Zugang zu einer erweiterten tonalen Klangvorstellung zu entfalten. Er schrieb neben Opern und Oratorien zahlreiche Orchesterwerke von Klavierkonzerten bis hin zu Spätwerken wie "Erasmi monumentum" (1967) für Orgel und Orchester. In diese Phase der bereits konsolidierten Klangsprache fallen auch die drei Beispiele, die Christoph Poppen für die Aufnahmen "Triptychon" ausgewählt hat. "Polyptyque - Six images of the Passion of Christ for violin and two string orchestras" (1973) gehört zu Martins letzten Komposition überhaupt und wird hier von der Konzertmeisterin von Poppens langjährigem Stammensemble, der Geigerin Muriel Cantoreggi des Münchner Kammerorchesters, mit spiritueller Intensität umgesetzt.

Juliane Banse wiederum, derzeit eine der weltweit renommiertesten Sopranistinnen und eine vielfach ausgezeichnete Solistin - unter anderem für ihre wegweisende Zusammenarbeit in Kurtágs "Kafka-Fragmenten" mit dem ungarischen Geiger András Keller -  gibt dem "Maria - Triptyhon" (1967/8), zu dem sich Martin vom spätmittelalterlichen Altar Ducci di Buoninsegnas in der Kathedrale von Siena inspirieren ließ, eine bewegende klangliche Kraft. Die "Passacaille" (1944/62) wiederum rundet die Dreiheit des musikalischen Triptychons als pathetisches Orchesterstück ab. Ein Meister der Moderne, so kompetent wie einfühlsam wiederentdeckt.