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20.02.2008
Fritz Wunderlich

Wunderlichs Bach

Fritz Wunderlich, Wunderlichs Bach

Bach war der Maßstab. Zwar kannte man den Tenor Fritz Wunderlich seit den frühen Sechzigern weltweit als herausragenden Opernsänger und Liedinterpreten. Eine seiner großen Leidenschaften aber blieb das Vokal-Werk von Johann Sebastian Bach, dessen numinose Schönheit faszinierende Möglichkeiten der Interpretation bot. So entstanden neben den weltlichen Aufnahmen auch mehrere Langspielplatten mit geistlichen Stücken aus der Werkstatt des Leipziger Thomaskantors, die nun nach den "Sacred Arias" des vergangenen Herbstes  in umfassenden Ausgaben auf CD präsentiert werden. Zum einen die "Matthäus-Passion" unter anderem mit Herrmann Prey an seiner Seite, außerdem das "Magnificat" zusammen mit der "Osterkantate" und schließlich das "Oster-Oratorium". Vier Werke von wunderbarer Klarheit, gesungen mit der Leidenschaft eines großen Bewunderers der Bach'schen Vokalkunst. Der Weg nach Leipzig und damit zur großen Zeit seiner geistlichen Kompositionen führte den Komponisten über verschiedene Umwege. Im Dezember 1721 heiratete Fürst Leopold von Anhalt seine zweite Frau Anna Magdalena Wilken. Für dessen Hofkapellmeister Johann Sebastian Bach führte diese Liaison zunächst zur inneren, dann zur tatsächliche Kündigung seiner begehrten Stellung.

Denn die neue Regentin stand der Musik reichlich gleichgültig gegenüber und so fühlte sich der ambitionierte Komponist weder genug ernst genommen noch ausreichend ausgelastet. Er bewarb sich auf die Stelle nach Leipzig als Thomaskantor, wurde durch viele Zufälle sogar genommen - alle anderen Kandidaten hatten abgesagt - und hatte nun die Gelegenheit, sich ausgiebig der geistlichen Musik zu widmen. Zwar hatte Bach auch hier zu kämpfen, denn die Anfänge der Aufklärung drängten deren Bedeutung zugunsten des mit dem Verstand zu erfassenden Wortes zurück. Es gab immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Vorgesetzten in der Thomasschule, in der Bach zu lehren hatte und deren Unterricht er mit Musik zu füllen versuchte. Es gab aber auch zahlreiche Gönner innerhalb des kursächsischen Adels in Leipzig, sodass Bach zumindest bis in sein letztes Lebensjahrzehnt hinein sein Auskommen hatte und wunderbare Werke aus dem Geist des Protestantismus komponieren konnte.
 
Denn allein durch den Glauben solle der Mensch ins Himmelreich gelangen, predigte Luther und verbannte allen Nippes und Tand aus den Kirchen des Spätmittelalters. Singen allerdings dürfe man schon, zu Ehren Gottes und weil die Musik das Gemeinschaft- und Läuterungsgefühl erhöht. So entstanden im Rahmen protestantischer Liturgie zahlreiche Vokalwerke, die vor allem durch Johann Sebastian Bach auf ein bislang ungekanntes Niveau der Kunstfertigkeit gehoben wurden. In Leipzig komponierte, verknüpfte, kompilierte er fortwährend und arbeitete etwa eine Pastoralkantate mit ein wenig Phantasie zum "Oster-Oratorium" um. Und damit auch die im Religionsvergleich ein wenig vernachlässigte Maria angemessen gewürdigt würde, schrieb er ihr zu Ehren und den Festtagsgottesdiensten zum Gebrauch ein "Magnificat".

Die vergleichsweise traditionelle Form des Oratoriums genügte Bach aber bald nicht mehr als musikalischer Ausdruck der göttlicher Größe. Deswegen legte er 1727 seine "Matthäus-Passion" wesentlich umfangreicher an. Als Notentext war sie bereits ausschließlich in Leipzig entstanden, blieb dem Anschein nach ebenfalls eine oratorische Passion, sprengte aber alle bisherigen Grenzen liturgischer Konzerte dieser Art. Allein die Aufführung des Vokalepos' dauerte immerhin rund drei Stunden, verteilt auf zwei Abschnitte vor und nach der Predigt. Der umfangreiche Bericht des Matthäus-Evangeliums wurde dafür um zahlreiche kontemplative Stücke aus der Feder des Librettisten Picander und weitere zusätzliche Choräle ergänzt.

So entstand ein Konzentrat unterschiedlichster Formen und Stile der geistlichen und weltlichen Vokalmusik, die zur Zeit Bachs zum Inventar kunstvoller Klanggestaltung gehörten. Da gab es Rezitative, Ariosi, Arien, Chorsätze und Chorphantasien, Motetten-Sätze, mehrchörige Passagen und vieles mehr, das den Komponisten als herausragenden Gestalter opulenter Formen im Bewusstsein der Leipziger Bürger etablierte. Und alle vier Werke wurden von Fritz Wunderlich im Laufe seiner Karriere auf Langspielplatte festgehalten. Das "Oster-Oratorium BWV 249" entstand zusammen mit dem Stuttgarter Bach-Chor und Orchester unter der Leitung von Marcel Couraud, brachte neben Wunderlich die Sopranistin Friederike Sailer, die Altistin Margarete Bence und den Bass August Messthaler vor die Mikrofone und erschien 1958 erstmals als LP.

Mit dem gleichen Team verwirklichte er auch die Einspielungen des "Magnificat BWV 243" und der "Osterkantate BWV 31", wohingegen die "Matthäus-Passion BWV 244" ihn in großem Rahmen mit der Crème der deutschen Sängergilde präsentierte. Die Aufnahme entstand in der Kirche von Schloss Ludwigsburg bei Stuttgart und brachte unter anderem Fritz Wunderlich (Tenor), Peter Pears (Evangelist), Herrmann Prey (Jesus), Elly Amening (Sopran), Marga Höffgen (Alt), Tom Krause (Bass), Heinz Blankenburg (Petrus) und August Messthaler (Judas) zusammen. Für den orchestralen Rahmen sorgte das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung von Karl Münchinger und die Chorpassagen sangen die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Besondere Sorgfalt wurde auch auf die räumliche Verteilung der Stimmen während der Aufnahme gelegt, so dass ein Meisterwerk der geistlichen Musik unter idealen Bedingungen für die Nachwelt festgehalten werden konnte.