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06.02.2008

John Potter: The Dowland Project - Romaria

John Potter: The Dowland Project - Romaria

Was macht ein Ensemble von vier ganz unterschiedlich sozialisierten Musikern mit einem Lied aus dem 13. Jahrhundert, von dem nicht mehr als eine spärliche Gesangslinie überliefert ist? Die Antwort lautet: Zuhören, Improvisieren und sich den eigenen musikalischen Assoziationen überlassen. Wissend, daß auf diese Weise etwas ganz Neues entstehen wird. Für John Potter, den langjährigen Tenor des Hilliard Ensembles und Lehrer an der University of York, existiert Musik per definitionem nur in der Gegenwart. So weit, so naheliegend, mag man denken - doch die Konsequenzen reichen weit, wie bereits auf "In Darkness Let Me Dwell" (1999) und "Care-Charming Sleep" (2003), den beiden früheren Alben des Dowland-Projects zu hören war.

Natürlich ist historisch-stilistische Kompetenz die Voraussetzung. Mehr jedoch nicht: "Wenn wir uns die Freiheit nehmen, gewisse historische Details zu ignorieren, wenn sie unseren Interessen in der Gegenwart nicht dienen, können wir uns an der musikwissenschaftlichen Gedankenpolizei vorbeimogeln und direkt mit den toten Komponisten kommunizieren", schrieb Potter in seinem Beitrag für das Buch "Horizons Touched - The Music Of ECM", das 2007 bei Granta in London erschien.

Wenn das Dowland-Project sein Repertoire-Spektrum nun erweitert und sich mit Liedern vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart auseinandersetzt, entstehen die atmosphärisch dichten Stücke erst in der Interaktion der beteiligten Individuen. John Surman, einer der großen Saxophonisten des europäischen Jazz und ein ebenso wunderbarer Tenor- und Baßblockflötist, ist wieder mit von der Partie. Dazu gesellen sich der Barocklautenist (und Dirigent) Steven Stubbs, dem das freie Spiel förmlich im Blut zu liegen scheint, und Miloš Valent, der temperamentvolle Geiger und Bratscher aus der Slowakei, der in der Alten Musik ebenso zu Hause ist wie in der Zigeuner- und Volksmusik Osteuropas. Dazu paßt, daß die zum Einsatz kommenden Instrumente ganz unterschiedlichen Epochen angehören. Das chronologische Empfinden ist außer Kraft gesetzt: Wer dieser konzentrierten Musik lauscht, taucht tief ein in die Vergangenheit und ist doch ganz im Heute.

"Ursprünglich hatten wir vor, das Programm um die Sätze eines Messordinariums herum anzuordnen, aber das funktionierte aus musikalischen Gründen nicht, wie sich in St. Gerold bei der Aufnahme herausstellte", berichtet Potter. "Kontrapunktische Stücke sind fast immer mit einem identifizierbaren Komponisten verbunden, deshalb hat man da mehr Scheu als bei einstimmigen Liedern, die oft unbekannten Ursprungs sind und von denen niemand wirklich wissen kann, wie sie einst geklungen haben mögen. Bis etwa zur Zeit Wagners hatte sich der Komponistenwille immer dem des Interpreten unterzuordnen. Insofern gibt es eigentlich keine theoretischen oder intellektuellen Grenzen für den freien Umgang mit dieseem Material. Höchstens künstlerische und musikalische Grenzen. Man kann eine Struktur komplexer machen, indem man Linien hinzufügt, man kann sie aber auch vereinfachen, indem man etwas wegläßt. Oder man bricht ein Stück in mehrere Abschnitte auf und fügt Improvisationen ein. Alle diese Verfahren haben wir angewandt. Aber erst beim Spielen zeigte sich, wie es wirklich funktionierte."

Was bedeutet "Romaria"? Der assoziativ gewählte, mit dem Wort "Aria" spielende Titel bezeichnet christliche Heiligenwallfahrten und Pilgerzüge in Portugal und Brasilien und verweist damit zugleich auf den geographischen Zielpunkt dieser musikalischen Reise, die in den Alpenregionen Oberbayerns ("Carmina burana") und Südtirols (Oswald von Wolkenstein) ihren Ausgang nimmt. Im metaphorischen Sinne spricht "Romaria" aber auch den prozessualen Charakter des Dowland Projects selbst an. In Wahrheit nämlich ist dieses dritte Album bereits das vierte des Ensembles.

Am Abend nach dem Abschluß der Aufnahmen für "Care-Charming Sleep" im September 2001, nach dem Essen in der Propstei St. Gerold im österreichischen Vorarlberg, regte Produzent Manfred Eicher zu mitternächtlicher Stunde an, noch einmal in die Kirche zurückzukehren, um noch mehr Musik einzuspielen. "Ich hatte kein weiteres Material mehr im Gepäck", erinnert sich Potter. "Alles, was ich anbieten konnte, waren zwei Sammlungen mittelalterlicher Gedichte, eine auf Latein, eine in englischer Sprache. Ich las meinen Kollegen die Texte vor oder schilderte ihnen den Inhalt, und dann legten wir los." Das anschließende, völlig freie und ungehemmte gemeinsame Improvisieren zählt Potter zum Außergewöhnlichsten, was er als Musiker je erlebt habe, berichtet er in "Horizons Touched". Der Mitschnitt der Session ist inzwischen fertig gemischt und zur Veröffentlichung bei ECM vorgesehen.

Zusammen mit Manfred Eicher entstand so die Idee einer Art nachholenden Übergangs zwischen den Interpretationen von Renaissanceliedern und -madrigalen auf "Care-Charming Sleep" und dem ganz freien Musizieren der Gruppe, das dem nächsten Album vorbehalten sein soll. "An die Risikobereitschaft, die wir an jenem Abend vor sechs Jahren gewonnen hatten, konnten wir sofort anknüpfen, als wir uns vergangenen Januar wieder in St. Gerold trafen", sagt Potter. Die partielle Umbesetzung des Ensembles hatte rein praktische Gründe. Maya Homburger und Barry Guy, Geigerin und Bassist der beiden früheren Aufnahmen, waren aufgrund ihrer vielfältigen Aktivitäten schwer verfügbar. Steven Stubbs und Manfred Eicher einigten sich schnell auf Miloš Valent, der bereits auf Stubbs' "Teatro Lirico" (ECM 1893) mitgewirkt hatte und ein neues, ganz eigenes Kolorit in die Gruppe bringt.Der Sänger und Musikwissenschaftler John Potter wurde in der englischen Chortradition ausgebildet und gründete als Teenager eine Rhythm'n'Blues-Band. Schon damals war er von den unterschiedlichsten Formen des Gesangs fasziniert, was sich später unter anderem in seinem bedeutenden Buch "Vocal Authority" (Cambridge University Press 1998) niederschlug. Potter war Gründungsmitglied des Ensembles Electric Phoenix; von 1984 bis 2001 gehörte er dem Hilliard Ensemble an. Potters besonderes Interesse gilt der zeitgenössischen Musik, so hat er Werke von Gavin Bryars, Bill Brooks und anderen Komponisten uraufgeführt. Potter ist Produzent dreier ECM-Alben des skandinavischen Trio Mediaeval. 

John Surman, eine der zentralen Figuren des europäischen Jazz und nach Ansicht der Virgin Encylopedia of Jazz "ein großartiger Improvisator, der mehr wegläßt als er wirklich spielt",  nimmt seit 1976 für ECM auf. Neben 16 Alben als Leader hat er an einer Vielzahl weiterer Projekte mitgearbeitet. Die jüngste Veröffentlichung, "The Spaces In Between", war ein "Editor's Choice" im Jazz Review. Weitere Alben mit John Surman sind in Vorbereitung.

Miloš Valent wuchs in der Slowakei in einer Familie von Volksmusikern auf. Seine Ausbildung umfaßte sowohl das klassische Repertoire als auch Volksmusik. Valent war Mitglied und Konzertmeister mehrerer Orchester, bevor er in Bratislava sein eigenes Barockorchester, Solamente Naturali, gründete. Er ist auf Stubbs' "Teatro Lirico" zu hören und als Solist in Vladimír Godárs "Mater" (ECM 1985).

Stephen Stubbs wurde in Seattle geboren und studierte Cembalo und Komposition an der University of Washington, wo er Laute zu spielen begann. Nach weiteren Studien in England und den Niederlanden gab er 1976 in der Londoner Wigmore Hall sein Debüt als Lautenist. Von 1981 an unterrichtete er an der Musikhochschule Bremen, 2006 siedelte er wieder in die USA über, wo er die Seattle Academy of Baroque Opera ins Leben rief. Sein ECM-Debüt unter eigenem Namen, "Teatro Lirico", wurde in der New York Times als ein "riskantes, aber unwiderstehliches Projekt" gelobt.