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30.01.2008

Händels Antwort

Alan Curtis, Händels Antwort

Es waren harte Jahre. Als Georg Friedrich Händel im Jahr 1728 seinen "Tolomeo" auf die Bühne brachte, herrschte in London so etwas wie eine Opernkrise. Denn kurz zuvor hatte John Gay im Lincoln's Inn Fields Theatre seine "Beggar's Opera" heraus gebracht und damit den Knaller der Saison  präsentiert. Die Satire auf die albernen Stoffe der italienisch-aristokratischen Konkurrenz entwickelte sich zu einem Publikumsmagneten, der von den etablierten Theatern der Stadt nicht nur eine Reaktion  forderte, sondern sie geradezu in Existenznöte brachte. Händel antwortete mit Reduktion auf die Provokation und führte u.a. seinen "Tolomeo" auf, ein bis aufs Wesentliche entschlacktes Bühnendrama, in dem Barock-Spezialisten inzwischen das eigentlich Revolutionäre entdecken.

Noch ein wenig Vorgeschichte. Als Händel 1710 nach London kam, gab es keine regelmäßig bespielte Opernbühne. Da das als deutliches Manko empfunden wurde und auch das Unterhaltungsbedürfnis der Stadt stetig stieg, wurde 1719 die Royal Academy of Music gegründet, einen Institution mit missverständlichem Namen, denn hierbei handelte es sich um keine Akademie, sondern um eine handfeste Aktiengesellschaft, in die verschiedenen Bürger Londons und Mitglieder des Königshauses Geld investierten in der Hoffnung auf Gewinn und gute Unterhaltung. Für ersteren war ein Direktorenteam zuständig, das bald durch seine verschwenderische Vorgehensweise in die Kritik geriet. Zweiteres war das Gebiet von Meister Händel, der nun eine feste Institution für seine Kunst hatte.

Man engagierte Stars wie den Kastraten Senesino und die konkurrierenden Divas Francesca Cuzzoni und Faustina Bordino, deren künstlerische Feinschaft allerdings für pikante, zuweilen peinliche Momente bis hin zur Bühnen-Prügelei sorgte. Der Effekt der Academy jedenfalls war nicht der erhoffte. Die Direktoren bereicherten sich, die Stars wurden zur Farce und Händel versuchte, durch hohe Kunst einigermaßen das Überleben zu sichern. Es gelang ihm nur zum Teil. Im Juni 1728 wurde das Unternehmen geschlossen, allerdings durfte der Komponist und künstlerische Leiter es auf eigenen Faust fünf Jahre weiter führen.
 
An seiner Produktivität und seinem Einfallsreichtum jedenfalls konnte es nicht liegen. Die am 30. April 1728 uraufgeführte Oper "Tolomeo" um den ägyptischen Herrscher Ptolemäus IX. zeichnete sich durch ein besonderes Konzept aus. Zunächst war das Figureninventar mit fünf Hauptdarsteller extrem klein. Die Handlung verzichtete bewusst auf das Phantastische der italienischen Oper und hielt sich in klassischem Sinne an die Einheit von Ort, Zeitung und Handlung. Musikalisch fehlten übermäßige Ausschmückungen, die Ereignisse im Exil des Potentaten auf Zyperns wurden deutlich vom Gesang der Beteiligten vorangetrieben. Prunk wird vermieden, überhaupt wirkt die ganze künstlerische Führung sorgsam darauf bedacht, Qualität aus dem Sujet selbst heraus, nicht durch schmückendes Tamtam zu generieren.

Schon deshalb kommt "Tolomeo" eine besondere Bedeutung in Händels Opernschaffen zu, vor allem auch, wenn sich ein Spezialist für Alte Musik wie Alan Curtis mit dem Ensemble Il Complesso Barocco dem Werk annimmt. Denn unter seiner Ägide wächst das sonst etwas stiefmütterlich im Repertoire behandelte Musikdrama zu einem Standardwerk heran, das Händels Idee der Konzentration auf das Wesentliche des Ausdruck eindrucksvoll deutlich macht. Als Solisten standen Curtis die Sopranistin Ann Hallenberg in der Titelrolle, außerdem Karina Gauvin (Seleuce), Anna Bonitatibus (Elisa), Romina Basso (Allesandro) und Pietro Spagnoli (Araspe)  zur Seite. Das Resultat dieser Kombination klingt wunderbar konsistent und lädt dazu ein, einen Klassiker des Barockmusiktheaters neu zu entdecken.