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23.01.2008

Die Brücke zur Freiheit

John Potter, Die Brücke zur Freiheit

Es ist vor allem eine Frage der künstlerischen Offenheit. Die Lieder des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland sind während des vergangenen Jahrzehnts von der klassischen Musiköffentlichkeit wieder entdeckt worden und haben so manche Neuerung erfahren. Man denke etwa an die ungewöhnlich rauen Aufnahmen des Pop-Sänger Sting, die sich erstaunlich homogen mit dem Thema beschäftigten. Vor allem aber war es John Potter, der mit den beiden Programmen "In Darkness let me dwell" (1999) und "Care-charming Sleep" (2003) neue Wege des musikalischen Verständnisses öffnete. Nun ist Teil drei seiner Dowland-Reflexionen erschienen, "Romaria", ein Album im Übergang zu einer faszinierenden Freiheit im Umgang mit der Musik der Vergangenheit.
 

Dabei handelt sich nicht um persönlichen Willkür, sondern um eine künstlerische Notwendigkeit der Interpretation. "Wenn wir uns die Freiheit nehmen, gewisse historische Details zu ignorieren, können wir direkt mit den toten Komponisten kommunizieren, ohne den Umweg über die musikwissenschaftliche Gedankenpolizei", erläutert Potter seine Vorgehensweise in seinem Beitrag für das Buch "Horizons Touched - The Music of ECM", das 2007 bei Granta in London erschien. Das wiederum bedeutet für seinen Umgang mit den Vorlagen von John Dowland, dass er die Mitte zwischen interpretatorischen Konstanten und eigenen Form- und Klangvorstellungen finden muss, sowohl in Fragen der Instrumentation wie auch des Repertoires. "Ursprünglich hatten wir vor, das Programm um die Sätze eines Mess-Ordinariums herum anzuordnen, aber das funktionierte aus musikalischen Gründen nicht, wie sich in St. Gerold bei der Aufnahme herausstellte. Polyphone Stücke sind in den allermeisten Fällen mit einer identifizierbaren Komponistenpersönlichkeit verbunden, deshalb hat man da mehr Scheu als bei einstimmigen und womöglich anonym überlieferten Liedern, wo niemand wirklich wissen kann, wie sie einst geklungen haben mögen. Bis etwa zur Zeit Wagners hatte sich der Komponistenwille immer dem des Interpreten unterzuordnen. Insofern gibt es eigentlich keine theoretischen oder intellektuellen Grenzen eines solchen freien Umgangs mit dem Material. Höchstens künstlerische, musikalische. Man kann eine Struktur komplexer machen, indem man Linien hinzufügt, man kann sie aber auch vereinfachen, indem man etwas weglässt. Oder man bricht ein Stück in mehrere Abschnitte auf und montiert Improvisationen hinein. Alle diese Verfahren haben wir angewandt. Aber erst beim Spielen zeigte sich, wie es wirklich funktioniert."
 
Und es funktionierte gut. Zunächst waren aus organisatorischen Gründen personelle Veränderungen notwendig. Maya Homburger und Barry Guy, Geigerin und Bassist der beiden früheren Aufnahmen, waren auf Grund ihrer vielfältigen Aktivitäten schwer verfügbar. Steven Stubbs und Manfred Eicher einigten sich schnell auf Miloš Valent, der bereits auf Stubbs' "Teatro Lirico" (ECM 1893) mitgewirkt hatte und ein neues, ganz eigenes Kolorit in die Gruppe bringt. Darüber hinaus aber war der besondere Charakter der Aufnahmen von "Romaria" zu beachten. Denn genau genommen sollten sie die Brücke zu einem noch freieren Verständnis der frühneuzeitlichen Musik bilden, das durch glückliche Fügung bereits festgehalten worden war. Am Abend nach Abschluss der Aufnahmen zu "Care-charming Sleep" im September 2001, nach dem Essen in der Propstei St. Gerold im österreichischen Vorarlberg, regte Produzent Manfred Eicher zu mitternächtlicher Stunde an, noch einmal in die Kirche zurückzukehren, um noch mehr Musik einzuspielen. "Ich hatte kein weiteres Material mehr im Gepäck", erinnert sich Potter. "Alles, was ich anbieten konnte, waren zwei Sammlungen mittelalterlicher Gedichte, eine auf Latein, eine in englischer Sprache. Ich las die Texte den Kollegen vor oder schilderte ihnen den Inhalt, und dann legten wir los." Das anschließende, völlig freie und ungehemmte gemeinsame Improvisieren zählt Potter zum Außergewöhnlichsten, was er als Musiker je erlebt habe, berichtet er in 'Horizons Touched'. Der Mitschnitt der Session ist inzwischen fertig gemischt und zur Veröffentlichung vorgesehen, aber erst nachdem "Romaria" den Weg in diese Richtung gewiesen hat. Schließlich braucht alles seinen Zusammenhang und insbesondere eine künstlerische Vision.