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16.01.2008

Wien und Korea

Alexander Liebreich, Wien und Korea

Tradition verpflichtet. Unter der Leitung von Christoph Poppen hatte sich das Münchner Kammerorchester über die Jahre hinweg zu einer international anerkannten Institution für ungewohntes Repertoire und neue Klangzusammenhänge entwickelt. Vor anderthalb Jahren nun wechselte die Leitung des Ensembles und Alexander Liebreich übernahm die Aufgabe, diese anspruchsvolle Vorgabe fortzusetzen.

Und er erfüllt die mit Spannung erwarteten Vorstellungen, die an die Innovationskraft des Orchesters herangetragen werden, sei es mit Konzertprojekten wie Anfang Dezember 2007 in Frankfurt am Main mit Uraufführung der "Questions …" von Erkki-Sven Tüür mit dem Hilliard Ensemble, sei es mit Veröffentlichungen, die er nun mit einem Programm aus zwei Sinfonien von Joseph Haydn und der "Kammersinfonie I" von Isang Yun startet.

Alexander Liebreich stammt aus Regensburg. Seine musikalische Ausbildung führte ihn nach dem Studium zunächst als Assistent an die Seite von Sir Colin Davis und Roberto Abbado, dann auf Betreiben Edo de Waarts ins holländische Hilversum. Er profilierte sich unter anderem durch Projekte am Amsterdamer Concertgebouw, mit den Münchner Philharmonikern und dem BBC Symphony Orchestra. Zum Saisonstart 2006/7 schließlich wechselte er an die Spitze des Münchner Kammerorchesters und sorgt seitdem dafür, dass sich der ausgezeichnete Ruf des Ensembles stetig ausweitet.

Bekannt für die Vielfalt der integrierten Klangeinflüsse hat Liebreich daher auch für die erste Veröffentlichung mit seinem Orchester ein überraschendes Repertoire gewählt, das zwei häufig als sinfonische Propädeutik missverstandene Werke des Klassikers Joseph Haydn mit einem Pendant aus Fernost verknüpft: "Das hat auch eine ganz autobiographische Ebene. Ich war vier Jahre Gastprofessor für den DAAD in Nordkorea, in Pjöngjang habe ich im Isang-Yun-Institut unterrichtet und dabei seine Familie kennen gelernt und mit dem Orchester gearbeitet, das er dort gegründet hatte. Ich habe viel über die besondere Gesangskunst Nordkoreas gelernt. In Korea wird überall und bei jeder Gelegenheit gesungen, das ging schon los bei meiner ersten Begegnung mit Dolmetscher, Chauffeur und Begleiter am Flughafen, der selbstverständlichen Eskorte eines jeden offiziellen Gastes. Yuns Kompositionen kommen alle aus diesem expressiven Cantando heraus. Den Streichern ordnet er gerne die Rolle der menschlichen Stimme zu. Er selbst war ja Cellist, und die besondere Rolle des Cellos für ihn hat viel mit seinem komplizierten persönlichen Schicksal zu tun."
 
Dabei kommt es Alexander Liebreich nicht nur auf die Gegensätze, sondern auch auf die strukturellen Gemeinsamkeiten an: "Was ich problematisch finde, ist die Behauptung, man bräuchte Haydn zur Pflege der Orchesterkultur, da hier die sinfonische Form ihren Ursprung habe. Das impliziert doch, diese Musik besäße keinen Wert an sich. Dabei sind gerade die so genannten 'Sturm und Drang'-Sinfonien formal so exorbitant innovativ! Das Grunddesign stellt Haydn später nicht mehr so grundsätzlich in Frage, er wagt auch nicht mehr so viel Freiheit wie etwa in der Abschiedssinfonie, es kommen eher klangliche Ideen dazu. Für mich persönlich bedeutet die Idee 'Abschiedssinfonie' nicht so sehr, dass die Musiker sukzessive nach Hause gehen, ich sehe sie als einen Abschied von der Form: Es ist wie ein Fade-out-Effekt, wenn sich dem Presto ein Adagio anschließt, das sich nach und nach verflüchtigt. [...] Das Rhythmisch-Motorische ist bei Yun weniger vorhanden. Der Klangstrom fließt, gegliedert durch ein Prinzip der Actio und Reactio: Ein Impuls löst einen Gegenimpuls aus, das ist ein Yin und Yang, das Kleine im Großen. Ein starkes Pizzikato im Bass wird beispielsweise durch eine heftige Geste im höheren Register beantwortet. Da steckt auch eine philosophische Komponente dahinter, die der einzelne Musiker seinem Part nicht entnehmen kann, um die er aber unbedingt wissen muss. Weil eine Grundmotorik, auf die sich der Einzelne im Zweifelsfall draufsetzen könnte, nicht vorhanden ist, muss der Dirigent diese Actio- und Reactioverläufe umso bewusster herausarbeiten."

So konnte Alexander Liebreich  behutsam experimentieren, mit den Farben und Wirkungen seines Orchesters, zumal die Aufnahmebedingungen des in der Reihe ECM New Series erscheinenden Albums "Farewell" nahezu ideal waren: "In der Himmelfahrtskirche hatten wir Open-End-Sessions, das heißt, wir konnten wirklich so lange aufnehmen, bis alle zufrieden waren. So ist diese Platte vielleicht zu einem Bekenntnis dessen geworden, was wir musikalisch gemeinsam machen können und für welche Repertoirebreite wir uns zuständig fühlen. Für mich dokumentiert sie zudem eine starke kulturelle Achse zwischen Europa und Asien, die mir sehr viel bedeutet."