Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

02.01.2008

Sprungbrett zur Romantik

Michail Vasil’evič Pletnëv, Sprungbrett zur Romantik

Die ersten Auszeichnungen für die Serie gibt es schon. Mikhail Pletnevs Interpretationen des zweiten und vierten Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven wurde als "Best Concerto Recording 2007" mit dem renommierten japanischen "Record Academy Award" bedacht. Nun vollendet die Veröffentlichung des Klavierkonzerts No.5 seinen Komponisten-Zyklus und präsentiert einen weiteren Höhepunkt der künstlerischen Aktivitäten des russischen Pianisten und Dirigenten.

Das Es-Dur-Konzert op. 73 trägt den Beinamen "L'Empereur". Es entstand 1809, ist das letzte seiner Art, das der inzwischen nahezu vollständig ertaubte Komponist schrieb. Es wird mit Blick auf die Zeit der Napoleonischen Kriege gerne als akustisches Schlachtengetümmel mit Pferdegetrappel et cetera gedeutet. Und doch ist es weit mehr als das. Denn gemeinsam mit dem vierten Klavierkonzert markiert es für Ludwig van Beethoven eine Öffnung gegenüber neuen Sphären des Ausdrucks. Der Komponist selbst hatte bis zu seiner Entstehung einen Wandlungsprozess vom virtuosen Parvenü mit (existentiellem wie ideellem) Bedürfnis nach Akzeptanz zum umfassend geschätzten Mitglied der Wiener Gesellschaft vollzogen.

Dementsprechend hatten sich auch seine Werke verändert. Waren die ersten zwei Klavierkonzerte noch eng am mozartesken Geschmack des Publikums orientiert, so begann er bereits mit der Nummer drei, im finsteren c-moll gehalten und weit weniger an Geläufigkeitsprotz interessiert wie andere zeitgenössische Elaborate, die Ansprüche auf seine eigene Vorstellung von Intensität zu konzentrieren. Mit der Nummer vier in D-Dur löste sich Beethoven deutlich von der Konvention undließ er ein lyrisches Klangganzes entstehen, bei dem in bislang unüblicher Weise Solist und Orchester harmonisierend ineinander griffen. Sein letztes Klavierkonzert schließlich fiel nach Wiener Maßstäben völlig aus dem Rahmen. Schon der erste Satz war mit 600 Takten ungewohnt lang. Im Jahr 1809 entstanden und im Folgejahr im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt, stellte das op.73 den Übergang vom bisherigen kammermusikalischen Rahmen zum großen sinfonischen Konzert der Romantik dar, das schließlich die Klangvorstellungen der kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte.
 
Für die ausführenden Instrumentalisten wiederum bedeutet das eine besondere Anforderung an die Interpretation, um die Position am Übergang der Stilvorstellungen darzustellen. Mikhail Pletnev zieht daher die Register seiner Darstellungskunst. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Oeuvre des klassischen Revolutionärs und Grenzüberschreiters, lotet die Untiefen und Fallgruben der aus, mal als Solist, mal als Leiter des Russian National Orchestra, mit dem er die im vergangenen Jahr erschienene Gesamteinspielung der Beethoven'schen Sinfonien verwirklichte. Immer wieder lässt er sich überraschen, durch verblüffende Wendungen, die sich erst nach häufigem Spielen wirklich erschließen, durch den Humor und die Melancholie, die in der Regel als Tragik gedeutet vor allem die großen Orchesterwerke durchziehen.

Beethoven bleibt in der Variationsbreite der Interpretation unerschöpflich und so ist auch die Neuaufnahme des "Emperor"-Konzertes ein Schmuckstück der klassischen pianistischen Darstellungskunst. Die Einspielung mit Pletnevs Orchester unter Leitung von Christian Gansch entstand am 3. September 2006 während des Beethoven-Festes in Bonn und dokumentiert einmal mehr den Rang dieses Maestros aller Klassen, der am Pult wie auch am Flügel Höchstleistungen zu vollbringen vermag.