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07.11.2007
Fritz Wunderlich

Ein Link zum Göttlichen

Fritz Wunderlich, Ein Link zum Göttlichen

Fritz Wunderlich war ein erstaunlicher Musiker. Menschen, die ihn kannten, beschrieben ihn als einen Künstler, der auf der Überholspur fuhr, ganz gleich welchem Genre er sich gerade annahm. Während der wenigen Jahre seiner früh beendeten Karriere sang er von Schlagern in Operetten-Manier über denkwürdige Lied-Recitale bis zu gewaltigen Opernpartien nahezu alles, was ihm Freude machte. Er brillierte in den verschiedensten Fächern und doch gehörten die geistlichen Arien zu seinen ihm liebsten Melodien. Denn hier bot sich die Gelegenheit, selbst für einen freiheitlichen Denker wie Wunderlich, mit dem Göttlichen in Beziehung zu treten, das hinter den Werken des Menschlichen sich verborgen hält. Die Zusammenstellung "Sacred Arias" ist daher mehr als nur eine Compilation herausragender Aufnahmen mit Melodien von Händel, Bach, Haydn und Verdi. Sie ist eine Art musikalisches Glaubensbekenntnis eines Meisters an die Größe der Kunst, mit zum größten Teil bisher unveröffentlichten Aufnahmen. Und Sie ist ein gelungener Ausblick auf die 2008 erscheinende Gesamtaufnahme des Verdi Requiems mit Fritz Wunderlich.

Tatsächlich gehörten Werke wie die "Matthäuspassion" oder "Die Schöpfung" von frühen Jahren an zu den zentralen Referenzen des jungen Fritz Wunderlich. Er liebte diese Glanzstücke des Spirituellen, die im säkularen Umfeld der Wirtschaftswunderjahre eine besondere Intensität entwickelten. Wunderlichs Tochter Barbara, die ihren 1966 bei einem Unfall verstorbenen Vater zwar kaum als Kind hatte erleben dürfen, dafür aber sich inzwischen um die sorgfältige Edition von dessen klingendem Nachlass verdient macht, erinnert sich beispielsweise an diese Facette seines Wirkens sehr genau: "Mit geistlicher Musik kam mein Vater bereits während seines Studiums in Freiburg in Berührung, als er im Freiburger Bachchor unter der Leitung von Theodor Egel sang. Seit dieser Zeit liebte er neben Mozart und Schubert Bach über alles.

Es war ihm ein großes Bedürfnis, jedes Jahr zur Weihnachtszeit wenigstens einmal ein Oratorium zu singen. Und ohne Passion war Ostern für ihn kein richtiges Ostern. Folgende Episode ist wohl typisch für meinen Vater und belegt beispielhaft seine Begeisterung für geistliche Musik: Wenige Monate nach seinem ersten großen Erfolg als Tamino in Stuttgart - er hatte gerade seinen ersten Exklusivvertrag mit dem Europäischen Phono- und Buchclub Stuttgart unterschrieben -  bot ihm eine andere Plattenfirma an, Bach-Aufnahmen zu machen. Bach zu singen, so ein Angebot konnte er einfach nicht ausschlagen, auch wenn er zu der Zeit bereits mit verlockenden Angeboten überhäuft wurde. Also legte er sich kurzerhand das Pseudonym 'Werner S. Braun' zu, um diese für ihn so überaus reizvolle Aufgabe übernehmen zu können".

Es blieb nicht bei Bach allein. Wann immer sich passende Gelegenheiten boten, auf die großen spirituellen Werken zurückgreifen zu können, war Fritz Wunderlich zur Stelle. Manch einer mag sich noch an großartige Konzerte erinnern. Viele davon waren einmalige Sternstunden, die nicht festgehalten wurden und die daher einfach nur für den Moment erstrahlen konnten. Manches wiederum blieb bislang unveröffentlicht. Barbara Wunderlich weiß etwa von einigen Glücksfällen zu berichten, die der Edition der "Sacred Arias" seltene Raritäten zuführten: "Die Stücke auf dieser CD stellen nur einen kleinen Ausschnitt seines Repertoires geistlicher Musik dar; viele Aufführungen in Konzerthäusern und Kirchen wurden nicht aufgezeichnet, nur einige Konzertmitschnitte sind wie durch ein Wunder über die Jahre erhalten geblieben.

So waren beispielsweise die Originalbänder des Konzertmitschnitts der Bach Kantate BWV 108 in der Münchener Markuskirche verschollen. Glücklicherweise existiert im Privatbesitz eines Freundes der Familie eine Kopie, sodass wir dieses mir persönlich sehr am Herzen liegende Kleinod jetzt erstmals veröffentlichen können." Neben den Raritäten aber wurden auch berühmte Einspielungen den "Sacred Arias" beigefügt, etwa Ausschnitte aus Joseph Haydns "Schöpfung" in der Version der Salzburger Festspiele von 1965 unter der Leitung von Herbert von Karajan oder auch die Arie "Ich will nur dir zu Ehren leben" auf dem "Weihnachtsoratorium" von Johann Sebastian Bach, die wenige Monate später mit Karl Richters Bach-Orchester in München entstand.

"Ein Glücksfall war auch die Aufführung des Verdi Requiems in der Stuttgarter Liederhalle, die dankenswerterweise vom damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) mitgeschnitten wurde. Für meinen Vater war das eine äußerst interessante Aufgabe, da er sich mit der Tenorpartie langsam in das große italienische Repertoire vortasten konnte. Wenn man diese Aufnahmen hört, bekommt man eine Vorahnung, in welche Richtung er sich in späteren Jahren künstlerisch weiterentwickelt hätte, vom lyrischen Fach zu dramatischeren Partien. Haydns Schöpfung ist für mich und war für meinen Vater der Inbegriff der Schönheit, und höchster Ausdruck des Glaubens. Sie spiegelt wie kein anderes Werk die Erfurcht vor den Wundern der Schöpfung und der Natur, die auch er so stark empfand." So sind die "Sacred Arias" ein wichtiger Teil von Wunderlichs Vermächtnis und darüber hinaus einfach wundervolle Musik, nicht nur, aber auch in den Augen der Tochter des legendären Sängers: "Für mich persönlich ist 'Sacred Arias' weit mehr als nur eine Auswahl seiner schönsten Aufnahmen geistlicher Stücke. Diese Musik begleitet mich seit früher Kindheit, sie zu hören, berührt mich jedes Mal wieder. Wie heißt es in Händels Messias: 'Alle Tale macht hoch erhaben'. Welche Kraft."