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24.10.2007

Die Spiritualität im Kleinen

Trio Mediaeval, Die Spiritualität im Kleinen

Volksmusik zum einen ist ein Konstrukt, das eine Vielzahl persönlicher und regionaler musikalischer Äußerungen unter einem übergeordneten Nenner subsumiert, der jedoch deren kreative und produktive Seele nur rudimentär abbilden kann. Volksmusik ist auf der anderen Seite aber auch gelebte Tradition, sich verändernde Überlieferung auf der Basis einer empfundenen Gemeinsamkeit, die sich in vielerlei thematischen Nuancen ausdrücken kann. Insofern ist "Folk Music" ein rundum authentisches Album, das das schwedisch-norwegische Vokalensemble mit dem Perkussionisten Birger Mistereggen als Gast durch das weite Terrain der zeitgenössisch moderierten Wahrnehmung traditioneller Melodien führt.

Als das Trio Mediaeval bald nach seiner Gründung 1997 sein Debüt "Words Of The Angel" vorstellte, war die Presse überrascht und das Publikum begeistert. Den drei bis dato unbekannten Skandinavierinnen war es gelungen, ein Klanggefüge zu schaffen, das nicht nur von besonderer akustischer Sensibilität zeugte, sondern eine individuelle Vorstellung von Repertoiregestaltung und Interpretationskultur präsentierte, die aus dem üblichen Rahmen der klassischen Vokalmusik fiel. Mit Unterstützung des ehemaligen Hilliard-Ensemble-Tenors John Potter hatten sie es gewagt, alt und neu zu kombinieren, ohne sich um die gängigen musikhistorischen Schubladen zu kümmern. Damit konterkarierten sie nicht nur die Denkweise eines aufsteigenden Kulturmodells, das mit zunehmender Komplexität steigende Qualität suggeriert, sondern schufen darüber hinaus auch einen ungewohnten Klangraum, der über das Mittel des Kontrastes die einzelnen Qualitäten und Charakteristiken der Musikstücke erst recht zur Geltung kommen ließ. Das Resultat war frappierend und die Botschaft wurde verstanden. "Words Of An Angel" kletterte die Verkaufshitparaden hinauf und hinterließ bei vielen Hörern einen tiefen Eindruck.
 
Die Fortsetzung des Konzeptes knüpfte vier Jahre später unter dem Titel "Soir, dit-elle" erfolgreich an die ursprüngliche Idee an. Und auch das dritte Kapitel der Geschichte variierte das Thema Vergangenheit und Gegenwart, denn "Stella Maris" stellte Werke der englischen und französischen Conductus-Tradition des 13.Jahrhunderts der zeitgenössischen geistlichen Komposition "Missa Lumen de Lumine" der Koreanerin Sungji Hong gegenüber. So unterscheidet sich das Trio Mediaeval deutlich von anderen Formationen der Vokalmusik. Die beiden Sopranistinnen Anna Maria Friman, Linn Andrea Fuglseth und die Mezzosopranistin Torunn Østrem Ossum lehnen Kategorisierungen strikt ab. Sie gehen darüber hinaus und kombinieren bewusst historische Stücke aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit mit Kompositionen der Gegenwart. Mit "Folk Songs" verankern sie ihr Repertoire nun außerdem ihn der musikalischen Vielfalt der skandinavischen Volksmusik, im Gemenge von Liedern, die sie selbst von Kindesbeinen an kennen, und einer historischen mündlichen Überlieferungen, die über den unmittelbaren regionalen Bezug hinaus reicht. Die nach John Potter nun erstmals von Manfred Eicher konzeptuell mitgestaltete Aufnahme integriert zum einen die archaisch wirkenden Perkussionakzente von Birger Mistereggen, betont zum anderen aber auch die spirituelle Kraft, die den schlichten Melodien und einfachen Strukturen dieser Klangwelten innewohnt. So ist ein Panoptikum musikalischer Klarheit entstanden, das unmittelbar an die immanenten Kräfte des Menschlichen anknüpft und damit Brücken zur Vokalmusik der Renaissance ebenso schlägt wie zu den Wegmarken der Gegenwart.