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26.09.2007

Viel Ton, viel Bild

Viel Ton, viel Bild

Jeder kennt Prokofjews "Peter und der Wolf". Aber diese Version ist trotzdem etwas Neues. Denn für die britische Fernseh-Produktion wurden nicht nur Stars wie der Rocksänger Sting als Sprecher und Claudio Abbado am Pult des Chamber Orchestra Of Europe verpflichtet, sondern auch die Puppenmacher der Serie "Splitting Image", die dem musikalischen Märchen eine überraschend freakige Form gaben. So ist die Edition dieser hochgelobten optischen Umsetzung auch eines der Highlights des diesjährigen DVD-Herbstprogramms. Darüber hinaus werden zwei ausgezeichnete Solo-Programme neu herausgegeben, ein Recital mit dem Pianisten Ivo Pogorelich und die Aufnahme der fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven durch Krystian Zimerman und Leonard Bernstein.

Die britische TV-Serie "Splitting Image" gehörte in den Neunziger Jahren zu den Trendsettern der internationalen Fernsehlandschaft. Denn den Briten mit den Knautschpuppen war nichts und niemand heilig, vor allem Politiker und Prominente bekamen ordentlich ihr Fett ab. So dauerte es nicht lange, bis sie Kultstatus in den Unkonventionalistengemeinde innehatte, ähnlich der Monty Python Mannschaft im Schauspiel- und Filmbereich. Und so war es zwar nicht zwangsläufig, aber doch durchaus konsequent, dass der Dirigent Claudio Abbado eines Tages zu dem befreundeten Produzenten Christopher Swann meinte, er wolle seine Aufnahme von "Peter und der Wolf" mit dem Splitting Image Team optisch umsetzen. Die Idee war großartig, allein, die Realisierung erwies sich als Herausforderung. Zunächst einmal mussten die Puppen und Requisiten geschaffen werden. Dann wäre das Märchen allein zu kurz für einen ganzen Film gewesen, außerdem gab es Unmengen an Detailfragen zu lösen. Swann machte sich dran und tatsächlich konnte 1993 die Aufnahme produziert werden. Neben der eigentlichen Geschichte, die Popstar Sting very british als Erzähler vortrug, wurde eine Story skizziert, die Prokofjew selbst als Figur der Rahmenhandlung einführte und den kleinen Peter außerdem zur "Ouvertüre über Hebräische Themen" ins verschneite Russland und von dort mit der "Klassischen Symphonie" in eine italienisch barocke Phantasiewelt führte. So wurde eine "Prokofiev Fantasy" daraus, die weit mehr ist als das Original und mit zuweilen skurrilem Humor die Geschichte in einer schrillen TV-Ästhetik der Gegenwart platziert.
 
Ganz anders Ivo Pogorelich. Bei seiner Filmaufnahme mit Werken von Chopin, Haydn und Mozart ging es nur um die Kunst, ganz entgegen des Bildes in der Öffentlichkeit, das Mitte der Achtziger über den Pianisten kursierte. Denn dort galt er als Exzentriker, als der geniale Egomane, der in einem beispielhaften Siegeszug es schaffte, die Klassikwelt für sich einzunehmen. 1958 in Belgrad geboren, wurde er bereits als Elfjähriger am Konservatorium von Moskau unterrichtet, gewann zunächst 1978 den Casagrande-Wettbewerb in Terni und war dann bereit, sich auch der internationalen Konkurrenz zu stellen. Er reiste zwei Jahre später nach Montréal, landete durch viele Verwicklungen als letzter aller Teilnehmer in Kanada, wurde aber ausgewählt, als erster zu spielen. Somit hatte er gerade ein Woche Zeit, sein vom Wettbewerb vorgegebenes Programm zu erarbeiten und er meisterte diese Aufgabe derart brillant, dass er zur Sensation des Wettbewerbes wurde. Die Folgen dieses Auftritts waren unmittelbar spürbar. Schon wenige Tage danach gaben sich die internationalen Impressarios bei Pogorelich die Klinke in die Hand und versuchten, ihn in ihre Repertoires zu hieven und seine Karriere aufzubauen. Er wurde über Nacht zum renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau angemeldet, dort aber aufgrund russischer Intervention auf intrigante Weise aus dem Rennen geworfen. Das wiederum verärgerte die Jurorin Martha Argerich derart, dass sie von großem Medienrummel begleitet von ihrem Amt zurücktrat. Pogorelich wiederum erschien dadurch so oft in der Zeitung, dass ihm das Geschehen mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit einbrachte, als wenn er den Wettbewerb gewonnen hätte. Im Kontrast zu dem sich daran anschließenden Rummel präsentierte er sich im Frühjahr 1987 in den Räumen des Castello Reale di Racconigi als bedächtiger, aber nachhaltiger Interpret von vier Chopin-Werken, darunter die tückisch schwere "b-moll Sonate", aber auch als unbeschwert phrasierender Botschafter der Leichtigkeit, mit der er Haydns As-Dur-Sonate und die "A-Dur-Sonate K331" von Wolfgang Amadeus Mozart anging.
 
Krystian Zimerman gehört zur gleichen Generation wie Pogorelich und durchlief sogar ähnliche Stationen wie sein Kollege aus Belgrad. Im Dezember 1956 im polnischen Zabrze geboren, lernte er bei Andrej Jasinski und schaffte es als Neunzehnjähriger, sowohl beim Beethoven-Wettbewerb in Wien als auch beim Chopin-Wettbewerb in Warschau zu brillieren. Sorgsam um die Bildung der eigenen Tonsprache bemüht, zog er sich regelmäßig aus dem Konzertbetrieb zurück, um weiter zu lernen, nur um sich im Anschluss daran mit faszinierend ausgereiften Interpretationen der Musikwelt zu präsentieren. Als beispielsweise an ihn herangetragen wurde, ob er sich zusammen mit Maestro Leonard Bernstein an eine Einspielung der fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven wagen wollen, sagte er zu und machte sich an die Vorbereitung. Im Spätsommer 1989 war es dann so weit. Zimerman, Bernstein und die Wiener Philharmoniker kamen im Großen Saal des Wiener Musikvereins zusammen, die Kameras und Mikrofone der Unitel waren justiert und so konnten Aufnahmen entstehen, die sich mit der kollektiven Energie zweier humorvoller und reflektierter Charaktere und eines grandiosen Orchesters den Klassikern des Repertoires widmeten, als hätte Beethoven sie für genau diese Kombination der Persönlichkeiten konzipiert. Sorgsam ediert auf einer Doppel-DVD gehören sie wie auch Pogorelich und Prokofjew zu den Faszinosa des Klassikherbstes.