Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

12.09.2007

Der runderneuerte Titan

Michail Vasil’evič Pletnëv, Der runderneuerte Titan

Es ist erstaunlich, wie sehr Ludwig van Beethoven bis heute Künstler nicht nur inspiriert, sondern herausfordert. Seit Jahren beispielsweise beschäftigt sich der Pianist und Dirigent Mikhail Pletnev mit dem Oeuvre des klassischen Revolutionärs und Grenzüberschreiters, lotet die Untiefen und Fallgruben  von dessen Werken aus, mal als Solist, vor allem aber als Leiter des Russian National Orchestra. Und immer wieder wird er überrascht, durch verblüffende Wendungen, die sich erst nach häufigem Spielen wirklich erschließen, durch den Humor und die Melancholie, die in der Regel als Tragik gedeutet vor allem die großen Orchesterwerke durchziehen. Beethoven ist in der Variationsbreite der Interpretation noch immer unerschöpflich und deshalb hat sich Mikhail Pletnev nun an ein gewaltiges Projekt gewagt: Er hat sowohl die Sinfonien als auch die Klavierkonzerte neu eingespielt und bringt die zeitgenössische Rezeption damit auf den aktuellen Stand.

Ein Vorhaben wie die Einspielung der Beethoven-Sinfonien ist kein Projekt für zwischendurch, sondern kann, wenn es ernsthaft gemeint ist, nur von langer Hand geplant sein: "Die Aufnahmen waren der Abschluss einer langen Beschäftigung mit Beethoven", erläutert Mikhail Pletnev die konkreten Voraussetzungen und ergänzt: "Wir haben sein Oeuvre jahrelang überall gespielt, wo wir die Gelegenheit dazu hatten. Wir wurden Teil davon. Am Ende hätte man jeden von uns mitten in der Nacht aufwecken können und jeder Musiker hätte jedes Motiv aus jeden Sinfonie vorsingen können. Nur so war es möglich, die Aufnahmen so schnell einzuspielen" - und mit derartiger Intensität. Gerade einmal elf Tage brauchten Pletnev und das Russian National Orchestra, um im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums ihre Interpretation der wegweisenden Werke der klassischen Sinfonik festzuhalten.
 
Wichtig war dabei ein modifiziertes Verständnis von Historizität, das sich nicht sklavisch an die Normvorgaben der Vergangenheit hält, sondern sie nach den Bedürfnissen der einzelnen Stücke korrigiert: "Es ist nicht authentisch, wenn man spielt, was der Komponist in die Noten geschrieben hat. Beethoven sucht die Grenzen der Emotionen und der menschlichen Existenz - bei ihm gibt es kein Motiv, kein Thema, das nicht genial wäre und nicht in den Kontext des Ganzen gehörte. Bei Beethoven gibt es keine festen Regeln. Seine Partituren lassen sich nicht in einen Computer speisen, sie müssen gelebt werden, weil sie Organismen sind. Für Beethoven muss man den Mut haben, sich Freiheiten zu nehmen." Und die bestehen nicht nur in den üblichen Schwankungen von Tempi oder der Dynamik, sondern im grundlegenden Verständnis der Werke an sich. "Beethoven war ein großer Improvisator. Das Improvisieren mit der notierten Partitur ist eine wichtige Konstante, wenn man ihm begegnet. Das ist ganz anders als später bei Brahms oder Mahler". So wie der Komponist selbst an einem Wendepunkt der Epochen stand - von der Auftragskunst zum aus sich selbst heraus schaffenden Originalgenie - so weiß auch Pletnev, dass Wirkung ein wesentliches Anliegen von Musik ist und gestaltet mit der ihm eigenen Logik die Sinfonien aus dem Geiste der Aktualität.
 
Dabei geht er bestimmt, aber nicht willkürlich vor. Beethoven selbst hatte seine Sinfonien in der Regel für große Konzertaufführungen geschrieben, die die Menschen beeindrucken sollten, und Pletnev knüpft an diesen Gedanken an, indem er das emotionale Element, die überraschenden Eruptionen und Atempausen, überhaupt die Abwechslung in den Mittelpunkt stellt, ohne den Originalen aber das Originelle aufzuzwingen. Das gilt für die Orchesterstücke in gleichem Maße wir für die Klavierkonzerte. Auch dabei handelt es sich um Schwellenwerke an der Grenze vom genial tändelnden Mozart und grandios unterhaltenden Haydn zum emphatisch empfindenden romantischen Kompositionsideal. Pletnev zieht daher die Register seiner Darstellungskunst und führt vom frühen, charmant parlierenden Gestus bis zur aufwallenden Ekstase des fünften Konzertes einmal durch die Möglichkeiten der farbenfrohen und doch logisch konkreten Interpretationen. Die Aufnahmen mit seinem Ensemble unter Leitung von Christian Gansch entstanden anno 2006 während des Beethoven-Festes in Bonn, und erscheinen als Zyklus angelegt in drei Folgen bis zum Frühjahr 2008. So bleibt als Fazit nur anzumerken: Diese Saison wird eine Beethoven-Saison, nicht zuletzt durch Pletnevs Mut, den Titanen neu zu beleuchten.