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08.08.2007

Julius im Liegestuhl

Julius im Liegestuhl

Georg Friedrich Händel war ein Workaholic. Rund 40 Opern und 30 Oratorien entstanden während seiner Londoner Zeit. Vieles davon überdauerte die Jahre und gehört spätestens seit der Barock-Renaissance in den 1930ern wieder zu den Spielplänen der Opernhäuser. Mehr noch: Regisseure entdeckten das Bunte und Schillernde der Händelschen Werke und übertrugen es auf die popgeprägte Theaterkultur der Gegenwart. Es entstanden unterhaltsam moderne Interpretationen wie die "Giulio Cesare" unter der künstlerischen Leitung von Peter Sellars, die natürlich ihren Platz in der Focus DVD-Edition 400 Jahre Oper haben muss.

Georg Händel, Bader und Wundarzt in Halle an der Saale, hatte es seinem Sohn verboten, sich allzu sehr mit Musik zu beschäftigen. Schließlich sollte der Junge etwas Anständiges zum Broterwerb erlernen. Der kleine Georg Friederich hielt sich brav an die Worte des Familienoberhaupts und durchlief eine eigenartige Biographie, die ihn erst über Umwege zur seiner Berufung führte. Domorganist, Theatermusiker, Gelegenheitskomponist - die Karriereleiter hatte viele Stufen. Händel war daher bereits Mitte Zwanzig, als er 1707 die Einladung erhielt, nach Italien zu reisen und dort für verschiedene Höfe Musik zu kreieren.

Er sah Venedig, Florenz, Neapel, schließlich Rom, und lernte, dass das Zauberwort der gesellig adeligen Unterhaltung 'Opera' hieß. Wenn eine solche gerade nicht zur Hand war, so wollte man doch mindestens ein paar Serenatas oder Kantanten hören. Da Händels Gönner Marquese Ruspoli jeden Sonntag sich neue Gesangswerke wünschte, hatte der Gast aus Deutschland reichlich zu tun. Gerade die Kantaten, - mehrsätzige Solostücke mit Rezitativen und Da-Capo-Arien, die sich um Liebe und Geistiges drehten - boten sich als szenische Vorformen ohne Bühnenaufwand zur Gestaltung an. Also schrieb Händel im Akkord und eignete sich am praktischen Beispiel das Handwerkszeug an, das er bald darauf in London als Opernkomponist brauchen konnte.
 
Mit dem frühen Tod Herny Purcells war dort eine kurze Zeit musikalische Blüte zu Ende gegangen. Eine ganze Weile lang folgte kaum etwas Eigenständiges, obwohl das Bedürfnis zumindest nach Unterhaltung durchaus vorhanden war. Vor allen die Oper als Mischung von Bühnenausstattung, Dichtung, Gestik, musikalischer Interpretation und gesellschaftlichem Ereignis hatte im großstädtischen Bürger- und Hofleben einen festen Platz. Da es jedoch keine englischen Komponisten von Rang gab, musste man die Werke importieren. Besonders beliebt war die italienische Oper mit ihrer typischen und leicht fassbaren Form. Das gab es alles, was das Entertainmentherz begehrte: exotische Themen und unernste Tragik, burleske Komik und leichte Verständlichkeit, bunte Kostüme und wirkungsvolle Musik. Gegen diese Konkurrenz musste Georg Friedrich Händel antreten, als er 1710 in London ankam und begann, erste Opern zu veröffentlichen und zu inszenieren. Er machte seine Sache gut, rief 1719 die Royal Academy of Music ins Leben, ein groß angelegtes Unternehmen, das vom König und von einigen Adeligen unterstützt wurde.
 
So hatte er ein Forum, seine Opern zu präsentieren und avanciert bald zum meist geschätzten Komponisten im England dieser Jahre. Die Periode der Opernbegeisterung hielt bis in die 1730er Jahre an, dann musste sich Händel mit konkurrierenden und persiflierenden Konkurrenten auseinandersetzen. Man stritt sich offen und verdeckt. Das Resultat war die Abwendung des Publikums von der Oper und letztlich der Niedergang der ganzen Sparte. Händel grämte sich zwar, aber nicht zu sehr, schließlich hatte er Meisterwerke wie den "Giulio Cesare" (uraufgeführt 1724) geschaffen. Das wiederum inspirierte Künstler mehr 250 Jahre später zu neuen, unkonventionellen Interpretationen.

Der Regievisionär Peter Sellars beispielsweise verlegte die Intrigen um Cäsar, Kleopatra und die um ihren Gatten Pompeius gebrachte Cornelia in den Nahen Osten der achtziger Jahre und ließ die Oper in einem von Bombenattentaten bedrohten Luxushotel ablaufen. Die ursprünglich für das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel erdachte Inszenierung wurde wegen des großen Erfolges und der kulturgeschichtlichen Relevanz Anfang der Neunziger in den Babelsberger Studios für die Filmversion aufbereitet, so dass eine Aufnahme entstehen konnte, die nicht nur von der spielerischen Leistung der Protagonisten Jeffrey Gall (Cäsar), Mary Westbrook-Geha (Cornelia) und Susan Larson (Cleopatra), sondern auch von der bild- und tontechnischen Ausführung zum Maßstab für zeitgemäße Opernverfilmungen wurde. Ein Fall für die Focus DVD-Edition 400 Jahre Oper.