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18.07.2007

Richard Wagners Meistersinger: Fränkische Seele

Richard Wagners Meistersinger: Fränkische Seele

Die Spannung steigt. Am 25. Juli öffnen die Bayreuther Richard-Wagner Festspiele ihre Pforten mit einem besonderen Bühnenereignis. Denn an diesem Abend gibt Wolfgang Wagners zweite Tochter Katharina Wagner ihren Einstang als Regisseurin am grünen Hügel, mit ihrer Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg". Es ist eine Premiere, die mit großen Erwartungen verknüpft ist, schließlich hat die 29-Jährige damit die Gelegenheit, ihre Visitenkarte als mögliche Nachfolgerin des jahrzehntelangen Chefs im Festspielhaus zu überreichen. Als Vorbereitung für dieses Ereignis bietet es sich jedenfalls an, einen Blick auf die Präsentation des Stoffes zu geben, mit der Wolfgang Wagner in den Achtzigern die Richtung vorgab. Und deshalb lohnt es sich, die DVD der "Meistersinger" zur Hand zu nehmen, die mit Sängern wie Bernd Weikl, Hermann Prey, Siegfried Jerusalem und der charmanten Mari Anne Häggander vor zwei Jahrzehnten Maßstäbe setzte.
 

Der Meistersang war eine zünftisch geregelte Liedkunst der 15. und 16.Jahrhunderts. Damals entwickelten in den durch Handel florierenden Städten sesshafte Handwerker ein Gegenmodel zur adelig-höfischen Kultur, das auf einem neuen Selbstvertrauen der im Spätmittelalter erstarkenden städtisch-bürgerlichen Stände fußte. Für Richard Wagner war diese historische Tradition die ideale Folie, um seine eigene Diskussion über die Kunst und deren Möglichkeiten auf die Bühne zu bringen. Er wählte die Form einer komischen Oper und feierte mit den am 21.Juni 1868 in München uraufgeführten "Meistersingern von Nürnberg" einen seiner großen Erfolge. Die weitere Rezeptionsgeschichte des Werkes war allerdings auch von dunklen Zeiten geprägt. Denn die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland profitierten vom populären Charme der "Meistersinger" und machten sie zu einer Form von Festoper ihres Regimes, indem sie das vermeintlich Urdeutsche darin herausstellten. Erst nach dem zweiten Weltkrieg kam sie von diesem Stigma wieder frei, durch große Aufführungen weltweit wie auch in Wagners Heimstadt Bayreuth, die den Sinn des Oeuvres nach den Vorstellung des Komponisten zurück deuteten, dem es nicht primär um die Darstellung einer deutschen Tradition, sondern um die Frage nach der Bedeutung von Kunst an sich gegangen.
 
Dabei arbeitete er durchaus typisierend. Auf der einen Seite stehen die Meistersinger als in der Konvention verharrende Handwerksvertreter, auf der anderen erscheint Walter von Stolzing, der als Ritter und genialischer Urtyp sich am liebsten über die Regeln hinwegsetzten würde. Als Mittler zwischen den beiden Positionen erscheint der berühmteste Meistersinger schlechthin, Hans Sachs, der den einen mehr Offenheit, dem anderen mehr Ehrfurcht vor der Tradition einimpft. Nur so schafft Walter es, im Wettsingen schließlich eine kunstvolle Arie zustande zu bringen, die nicht nur die Juroren überzeugt, sondern ihm auch noch die geliebte Tochter Eva des Goldschmieds Veit Pogner an die Hand gibt. Zieht man also von der Handlung den dramatischen Gehalt ab, so bleibt eine klare Aussage: Die Kunst überlebt in der Ehe des innovatorischen Genies (Walter) mit dem Kind der Tradition (Eva) unter der Obhut der Vernunft (Sachs).
 
Viermal wurden die "Meistersinger von Nürnberg" nach der Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele von den Enkeln Richard Wagners inszeniert. Wieland Wagner legte zunächst Wert auf die Idealisierung der Meistersingerkunst, dann auf das komische Element. Wolfgang Wagner hingegen ging es um eine weitgehende Entschlackung des Stückes, weshalb er ein möglichst natürliches, den Originalschauplätzen nahes Ambiente für seine Interpretation wählte. Wichtig war ihm, das realitätsnahe Element dieser Oper in den Vordergrund zu stellen. Dazu gehörte zum einen eine möglichst authentische Wahl von Kostümen und Bühnenbild bis hin zur Kopie einer fränkischen Festwiese einschließlich Tanzeiche, auf der anderen Seite aber auch eine Rücknahme der Polarisierung der Gestalten auf der Bühne. Vor allem Beckmesser hatte es ihm angetan, den er von dem Ruf der komischen Figur befreien wollte.

Wagner besetzte ihn mit Hermann Prey, der per se schon eine Autorität in Fragen des Stils und der Ernsthaftigkeit darstellte, und entschärfte außerdem die Rolle, indem er den öffentlich vorgeführten Lied-Versager zwar wütend von der Bühne gehen, ihn aber später wieder als Zuhörer des Konkurrenten zurückkehren lässt. Er ergreift sogar persönlich die Initiative, indem er als Mini-Rolle auf der Bühne erscheint und am Ende der Oper dafür sorgt, dass Hans Sachs und Beckmesser sich versöhnend die Hand reichen. So sind die von der Unitel gefilmten "Meistersinger" von 1984 eine rundum ausgleichende und harmonische Inszenierung, die auf DVD im gewohnt brillanten DTS 5.1 Surround-Sound (wahlweise PCM Stereo) große Kunst in die Wohnzimmer bringt.