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06.06.2007

Bezaubernde Klänge

Bezaubernde Klänge

Schön war die Zeit, als das Ancien Régime sich dem Ende zuneigte und an alle Ecken und Enden der Fortschritt lockte. So schön war die Zeit, dass sie als "La Belle Époque" bekannt wurde, im Nachhinein vor allem, als die ganzen Innovationen, mit denen Technik und Industrialisierung auf der einen und Kunst und Kultur auf der anderen Seite die Menschen konfrontierten, nicht mehr als bedrohlich empfunden wurden. In jedem Fall waren diese Jahre bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs ungemein produktiv und so lohnt es sich nicht nur, daraus eine umfangreiche Kunstausstellung abzuleiten, sondern darüber hinaus auch die musikalischen Ereignisse dieser Ära in einer eigenen Edition zu feiern.

Die Doppel-CD zur großen Kunstausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin versammelt daher unter dem Titel "La Belle Époque - Eine große Zeit französischer Musik" eine exquisite Auswahl herausragender Kompositionen dieser Jahre von großen Komponisten wie Bizet, Ravel und Debussy bis hin zu Geheimtipps der Kulturgeschichte wie Maurice Delage oder Charles Tournemire.

Für die Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste die Welt immer schwerer verständlich geworden sein. Auf der einen Seite sahen sie sich einer immensen Beschleunigung der Wahrnehmung und Eindrücke ausgesetzt. Erfindungen revolutionierten die Arbeitswelt und den Alltag, die letzten noch unerforschten Gebiete des Erdballs wurden entdeckt, sogar die menschliche Psyche war vor der Entschlüsselung nicht mehr sicher. Was den progressiven Geistern als Offenbarung erschien, wirkte jedoch auf zurückhaltendere Gemüter eher bedrohlich. Es ist daher kaum verwunderlich, dass es auch in der Kunst, die von sich noch beanspruchen konnte, wenigstens einen Teil der Welt abzubilden, neben den positivistischen Reaktionen etwa in Form von Industrie- und Milieubildern auch eskapistische Tendenzen gab.

Hatte sich die Romantik noch auf die Authentizität des Gefühls verlassen und die Gesamtheit zu fassen versucht, wenn auch hier schon zuweilen in ironischer Brechung, so zog sich der Impressionismus in den Augenblick, ins Individuelle zurück. Natürlich war auch das Illusion, aber zumindest eine, die den Künstlern eine große Freiheit des Ausdrucks ermöglichte. So kann die Sammlung des New Yorker Metropolitan Museum of Art, die seit 1.Juni in der neuen Nationalgalerie in Berlin am Potsdamer Platz ausgestellt ist, bis zum 7. Oktober exklusiv in Europa bedeutende französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts präsentieren, die  genau zwischen diesen Eckpunkten von Sinnstiftung durch Fortschritt oder Individualität oszillieren.
 
Der Event-Charakter der großen Kunstausstellung wiederum legt es nahe, den Blick von der bildenden Kunst auch auf die Musik in Frankreich zu lenken, die im Zeitraum der "Belle Époque" ebenso nachhaltig und vielgestaltig sich mit den Fragen nach Form und Ausdruck, Universalität und Individualität auseinander setzte. Bedeutende Komponisten wie Claude Debussy und Maurice Ravel, Georges Bizet und Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Erik Satie haben ihre zentralen Werke  innerhalb einer relativ kurzen Spanne von ungefähr 40 Jahren um die Jahrhundertwende komponiert, die im Wesentlichen mit der "Belle Époque" zusammenfällt. Darüber hinaus aber gab es Zeitgenossen wie Emmanuel Chabrier, Ernest Chausson, Léo Delibes und bis heute nahezu unbekannte Koryphäen wie Maurice Delage oder Charles Tournemire, die mit ihren Werken einen Beitrag zur Klanggestalt der dieser produktiven Ära geleistet haben. So liegt es nahe, den Bogen weit zu spannen und für die Zusammenstellung "La Belle Époque - Eine große Zeit französischer Musik" auf zwei CDs das Spektrum der kreativen Schaffenskraft möglichst umfassend zu skizzieren.

Dabei hilft es immens, auf das großartige Künstlerteam der Deutschen Grammophon zurückgreifen zu können. Mit Interpreten wie Anne Sofie von Otter, Martha Argerich, Mischa Maisky, Jean-Yves Thibaudet und Pultstars wie Claudio Abbado, Pierre Boulez und Seiji Ozawa ist ein Niveau der Darstellung garantiert, das die Melodien der "Belle Époque" in bestmöglicher Form präsentiert. Und so ist die Sammlung nicht nur die ideale Ergänzung zum Ausstellungsbesuch in der Neuen Nationalgalerie, sondern darüber hinaus ein Klangführer durch eine Zeit, die so viel bezaubernde Musik hervor gebracht hat, wie kaum eine andere.