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30.05.2007

Der zweifache Blick

Der zweifache Blick

Die 'Romantik' ist ein doppeldeutiger Begriff. Gilt sie landläufig als Synonym für allerlei Kitsch und Tand im Umkreis von Eros und Gefühl, war ihre eigentliche Bedeutung weiter gefasst. Im Unterschied zur Klassik hatte sich die Romantik von überindividuellen Wahren, Schönen und Guten abgewandt und suchte nun die Erkenntnis zum einen im Individuellen, zum anderen in einer Volksgemeinschaft, die sich nicht mehr über die Interessen der Aristokratie definierte. Eines der Stichwörter hieß "Nation" und so wundert es kaum, dass auch die Opern der romantischen Epoche sich in unterschiedlicher Intensität um diesen Themenkreis drehten. Wenn sich die vierte Folge der Focus Edition 400 Jahre Oper unter dem Titel "Durch die Wälder, durch die Auen" Komponisten jenseits der traditionellen Zentren Frankreich und Italien und jenseits von Richard Wagner - dem ein eigenes Kapitel gewidmet wird - zuwendet, dann geht es nicht nur um große Gefühle, sondern immer auch um Identität, Selbstbewusstsein, Kultur an sich. Und das unabhängig von den Herkunftsländern der Opern Deutschland, Böhmen, Mähren oder Russland.

Vieles hatte man sich erhofft, nichts war eingetreten. Die Französische Revolution hatte zwar zunächst das verfilzte Kumpel-Netzwerk der europäischen Adeligen in Angst und Schrecken versetzt. Mit dem Wiener Kongress jedoch war es Metternich gelungen, eben genau diese konservative Atmosphäre in Europa wieder herzustellen, die zuvor bekämpft worden war. Seine Schergen waren überall und so mussten sich die intellektuellen Kreise Ausweichquartiere des Protestes suchen, die für die Zensur und die politische Verfolgung uninteressant waren. Es lag nahe, es mit der Kunst zu versuchen, deren elaborierte Sprache sich bewährtermaßen gegen beamtete Thumbheit verschloss. Im Unterschied zur Klassik, die noch den Fokus auf das Schauspiel und das Wort gelegt hatte, war es nun die Oper, die als neues Leitmedium der poetischen Verschlüsselung die Wünsche der Nationalbewegung formulieren konnte. Dabei hatte sich auch innerhalb des Genres einiges getan. Bereits Mozart hatte damit begonnen, dem Orchester über die Begleitfunktion der Sänger und der Handlung hinaus eine wichtige Funktion zuzuweisen. Carl Maria von Weber nun erweiterte diesen Kunstgriff und bereitete vom allem im "Freischütz" (1821) den Weg für eine neue Opernkultur. Bei ihm bekamen orchestrale Stimmungen handlungsführende Bedeutung, nahe dem, was sein Bewunderer Richard Wagner später als Leitmotiv ausarbeiten sollte. Und natürlich waren auch Wälder und Täler nicht einfach nur Dekoration, sondern wie schon in der Literatur der manifest gewordene Ausdruck des Innenlebens des Protagonisten. Dazu kam der Einsatz von volksmusiknahen Motiven und überhaupt die Verlagerung des Geschehens aus dem Adelsmilieu in den Kreis der kleine Leute. So wurde der "Freischütz" zu einem Prototyp der Nationaloper, und hatte ganz nebenbei eine Menge großartiger Melodien zu bieten, die dem Hörer im Ohr blieben.
 
War Weber der Vater des ernsten Genres, so entwickelte sich Albert Lortzing zu dessen humoristischen Pendant. Auch seine Werke handelten im Kreis der Handwerker und kleinen Leute und boten wie "Zar und Zimmermann" (1837) reichlich Ohrwürmer. Sie erreichten jedoch nicht die innovative Wirkung wie der "Freischütz", auch wenn sie bis heute zu den amüsanten Beispielen ihrer Gattung gehören. Weitaus seriöser wiederum beschäftigten sich Bedrich Smetana und Antonin Dvorak mit dem Kontext des Nationalen, schließlich hatten Böhmen und Mähren im Rahmen des Habsburgereiches nur wenig Spielraum, sich als eigenständige Kultur zu präsentieren. Die russische Variante schließlich fand in Komponisten wie Alexander Borodin und Modest Mussorgsky den Link in die Moderne, während die Werke von Peter Tschaikowsky sich vor allem durch die besondere Kunst der Verknüpfung individueller Emotionalität mit übergreifendem, national verstehbarem Pathos auszeichneten.
 
Die Auswahl der musikalischen Höhepunkte dieser romantischen Ära ist daher gewaltig und heterogen. Die Kunst, sie auf zwei CDs im Rahmen der Focus-Edition 400 Jahre Oper zu präsentieren, besteht in der gezielten Reduktion auf besonders prägnante Beispiele dieser Epoche. Sie stammen nicht nur aus dem "Freischütz", der "Verkauften Braut" (Smetana) oder "Rusalka" (Dvorak), sondern auch aus der Feder von Lortzing ("Der Wildschütz", "Zar und Zimmermann"), Friedrich von Flotows ("Martha"), Otto Nicolais ("Die lustigen Weiber von Windsor"); Engelbert Humperdincks ("Hänsel und Gretel"), Johann Strauss ("Die Fledermaus") und den russischen Beispielen von Peter Tschaikowski ("Eugen Onegin", "Pique Dame"), Sergei Rachmanoniff ("Francesca da Rimini"), Alexander Borodin ("Fürst Igor") und Modest Mussorgsky ("Boris Godunow"). Zu den Stars der Zusammenstellung gehören neben Maestri wie Christian Thielemann, Carlos Kleiber, Rafael Kubelik, Sir Georg Solti, James Levine und Valery Gergiev auch die großen Stimmen von Renée Fleming, Anna Netrebko, Brigitte Fassbaender und Mirella Freni bis hin zu Dietrich Fischer-Dieskau ,Peter Schreier, Thomas Quasthoff, Bryn Terfel und Luciano Pavarotti. Einmal mehr entsteht ein ausgewogener Überblick über eine produktive und wegweisende Ära, die gemäß dem Anliegen der Focus-Edition 400 Jahre Oper auf höchstmöglichem Niveau bei sensationellem Preis in die Welt der romantischen Oper einführt.