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30.05.2007

Mehr als Anna

Mehr als Anna

Sie gehörte zu den am fiebrigsten erwarteten Premieren des vergangenen Opernjahres: Claus Guths Neuinszenierung von Mozarts "Le Nozze Di Figaro" im Rahmen des M22-Projektes im Jubeljahr bei den Salzburger Festspielen. Und es wurde tatsächlich eine der Sensationen, denn nicht nur die Ticketpreise bewegten sich auf oberstem Niveau, sondern auch die gesamte Darstellung der Oper von den Gesangsstars bis hin zu Nikolaus Harnoncourt am Pult der Wiener Philharmoniker. Als besonderes Zuckerl und zugleich als Abschluss der während des Herbstes begonnenen DVD-Edition mit den kompletten Inszenierungen der Bühnenereignisse erscheint nun "Le Nozze Di Figaro" gleich in dreifacher Ausführung: Als einfache CD mit den Highlights der Aufführung, als 3CD-Deluxe-Fassung mit der kompletten Oper und ausführlichem Booklet und als Doppel-DVD mit dem Konzentrat vor einer Woche Aufführungen in Salzburg.

Zur Einstimmung ein kleiner Blick in die Presselandschaft. Mit Spannung war erwartet worden, wie sich die Kombination aus Starrummel und Innovation tatsächlich bewähren würden. In der Süddeutschen Zeitung meinte Egbert Troll mit einem ironischen Seitenblick: "Susanna ist Anna Netrebko. Und Guth findet sie 'traumhaft'. Im Vorfeld hatte er, angesichts des Rummels um diese Sängerin, seine Befürchtungen. Doch kaum war sie da - 'ich hatte sie nicht übertrieben lang' - waren die Proben wunderbar. 'Sie hat einen traumhaften Instinkt für Situationen. Das habe ich selten so erlebt; sie bekommt sehr schnell etwas Real-Authentisches, so dass sie vergisst, dass sie gerade spielt.' Schnell schob sie ihr eigenes, etwa an der Met erworbenes Susanna-Bild beiseite und ging mit Guth auf die Suche nach der Anarchie des Prinzips Eros." In der Wochenzeitung Die Zeit formulierte Volker Hagedorn seine Zweifel, die sich aber am lebendigen Subjekt glücklicherweise weitgehend widerlegen ließen: "Die Befürchtung, hier werde nicht Anna Netrebko als Susanna, sondern Susanna als Netrebko  auftreten, zerstreut sich schnell. Ihre starke Präsenz geht in der Rolle auf, ihre Stimme im Ensemble. Ein energisch schlanker, leicht dunkler Sopran, eher sich anpassend als herausfunkelnd. Fast hat diese Zofe in ihrem Selbstbewusstsein etwas Abwartendes. Regisseur Claus Guth lässt offen, zu wem es sie wirklich zieht. Ihr Verhältnis zum Grafen ist aggressiv und verstört auf beiden Seiten. Der Macho hat eine Macke, die seine Angestellte fasziniert."
 
Rundum begeistert wiederum war Hans-Klaus Jungheinrich, der sich die Inszenierung für die Frankfurter Rundschau angesehen hatte. Er schrieb vor allem mit Blick auf die gestalterische Kompetenz des Regisseurs, dass ein "überragender Figaro" geboten worden sei: "In ihrer Art unüberbietbar konsequent und radikal war die inszenatorische Lesart von Claus Guth. Sie eliminierte die protorevolutionäre politische Intrigenkomödie, fand einen ganz anderen, hochpoetischen Ansatz. Dafür transportierte die "Zeitmaschine" das Sujet um gut hundert Jahre näher an die Gegenwart heran, etwa in die Epoche um 1900 ... Zentraler inszenatorischer Einfall und Generator einer abgründigen erotischen Illusionierung war ein stummer Amor mit Engelsflügeln, sinnvollerweise Double des ohnedies amorettenhaften Cherubino (und wie dieser im Matrosenanzug). Nichts Erheiterndes wird damit zuwege gebracht, eher ein finsteres, traumeswirres Schlafwandeln nah am Absturz. Die Figuren wirken wie von unsichtbaren Marionettenfäden gezogen. Dem Grafen sitzt Amor wie ein Sukkubus, wie ein bleischwerer Nachtmahr, im Nacken. Mit Susanna verschmilzt er in der Rosenarie zu einem gespenstischen Pas de deux. Einmal fährt er virtuos auf dem Einrad über die Bühne. Erst im Schlussteil des letzten Finales verliert er seine Macht über die singenden Akteure, die sich die Augen reiben und ihn wegjagen. Im Nachhinein bestätigt sich da die ganze Oper als ein alptraumhafter Irrgarten der Gefühle, der nun einem nüchternen, nicht mehr opernfähigen Realitätsprinzip weicht."
 
So ist klar, dass der "Figaro" nicht nur ein Ereignis für die Ohren war. Claus Guth hatte es geschafft, den Fokus weg vom Starrummel um Anna Netrebko zu lenken, die selbst wiederum durch die Wahl der Rolle der Susanne sich eine nicht dominante Position im Ensemble ausgewählt hatte. Insgesamt wurde auf diese Weise das notwendige Gleichgewicht der dramaturgischen Mittel gewahrt, das eine einseitige Darstellung wie auch Bewertung verhinderte. Der Oper hat das gut getan und so ist nun auch die CD- und DVD-Edition weit mehr als nur ein musikhistorisches, aufführungsgeschichtliches Dokument. Gefilmt über fünf Tage hinweg von den Opernprofis der Unitel gemeinsam mit der BFMI GmbH Salzburg in Kooperation mit dem Festival und den Sendern ORF, BR und Classica entstand eine Aufnahme in exquisiter Surround-Tonqualität (wahlweise PCM Stereo), die eine der besten Aufführungen des vergangenen Jahres mit herausragenden Solisten festgehalten hat, wobei Netrebko und Harnoncourt nur die bekanntesten Protagonisten des Ensembles darstellten. Darüber hinaus waren außerdem ein großartiger Ildebrando D'Arcangelo in der Titelrolle und ebenso brillante Stimmen wie Bo Skovhus als Graf Almaviva, Dorothea Röschmann als dessen Gattin und Christine Schäfer als Cherubino zu erleben. Alles in allem also eine grandiose Inszenierung, die nun auch für alle die zugänglich ist, die die Fersehübertragung verpasst oder sich den Kampf um die begehrten Tickets erspart hatten.

Weitere Informationen zu allen Veröffentlichungen der M22 DVD-Reihe finden Sie auf der Projektseite bei KlassikAkzente.