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23.05.2007
Sviatoslav Richter

Der Adlerflug des Genius

Sviatoslav Richter, Der Adlerflug des Genius

Eines seiner Lieblingsworte war "Frische". Sviatoslav Richter hasste es, mit Konventionen umgehen zu müssen, weil sie eben jene Unmittelbarkeit des Ausdrucks verhinderten oder zumindest erschwerten, die seine Vorstellung von Musik bestimmten. So versuchte er sich, wenn möglich den Regelwerken des Konzertbetriebs zu entziehen, spielte ausgedehnte Tournee durch Sibirien etwa, in Orten, die mit Sicherheit ihren ersten Klavierabend erlebten, oder war auf pittoresken Festivals mal in einem italienischen Provinztheater oder einer bayerischen Barockkirche zu hören.

Ergebnis dieser Strategie der Verweigerung war allerdings nur eine größerer Verehrung durch die Kenner des Fachs, die seinen Kreisen folgten und seine Eigenheiten genossen. Vielleicht war das überhaupt das Geheimnis seiner beängstigenden Künstlerschaft. Richter folgte nur sich selbst und machte damit die von ihm gespielte Musik qua seiner Brillanz zur etwas Entrücktem, etwas Außergewöhnlichem. In einem allerdings machte er Zugeständnisse. Richter ließ es zu, dass seine Konzerte mitgeschnitten wurden. Und so kann es Editionen wie die zu seinem zehnten Todestag im August 2007 geben, die an einen Genius des vergangenen Jahrhunderts erinnert, dessen Meisterschaft in jedem Ton zu spüren ist.

Mit erstaunlicher Konsequenz verweist auch der Lebensweg von Sviatoslav Richter von Anfang an auf einen ungewöhnlichen Künstler. Denn genau genommen war er Autodidakt. Geboren in der Ukraine, aufgewachsen in Odessa, bekam er als Kind eher beiläufig Klavierunterricht, erwies sich zwar als begabt, nützte aber sein Talent zunächst nur für Jobs wie den als Korrepititor am Opernhaus der Stadt. Erst in seinen Zwanzigern hatte Richter ernsthaft Unterricht, bei Heinrich Neuhaus in Moskau, den er mit knapp Dreißig beendete, in einem Alter, in dem andere Wunderkinder schon das Gros ihrer Karriere hinter sich hatten.

Allerdings hatte er es mit eiserner Disziplin und unter Anleitung seines Lehrers zu einer Perfektion des Ausdrucks gebracht, die diesem selbst gewaltigen Pianisten enorme Bewunderung abtrotzte. "Man fühlt deutlich", meinte Neuhaus auf seinen berühmten Schützling hin befragt, "dass das ganze Werk, sei es auch von gigantischen Ausmaßen, vor ihm liegt wie eine riesige Landschaft, aus dem Adlerflug zugleich im Ganzen und in den Details gesehen, aus ungewöhnlicher Höhe und mit unwahrscheinlicher Deutlichkeit. Ich muss ein für alle mal sagen, dass ich eine solche Einheitlichkeit, Natürlichkeit, einen derartig musikalisch-künstlerischen Horizont bei keinem mir bekannten Pianisten getroffen habe, und ich habe alle 'Großen' gehört".

Im Jahr 1960 konnte man Sviatoslav Richter zum ersten Mal in New York im Westen erleben, nach Deutschland kam er erst 1971. Längst galt er als eine der legendären Gestalten der Musikwelt und seine zahlreichen Aufnahmen wurden wie Devotionalien auf den Schreinen der Klaviergemeinde verehrt. Seine Vorliebe für kleine Säle, für inspirierendes Ambiente und ungewöhnliche Auftrittsorte machten Richters Tourneen zu schwer berechenbaren Konzertreisen. Er spielte viel, selbst in seinen Siebzigern zuweilen mehr als 100 Konzert pro Jahr, übte darüber hinaus bis zu zehn Stunden am Tag, war sich aber trotz messerscharfer Beobachtungsgabe und gewaltigem kulturellen Hintergrundwissen seiner Interpretationen nur selten sicher. Dieses Moment des Zweifels aber ließ seine Musik beständig über sich hinaus wachsen. Die drei Folgen der Richter-Edition mit überwiegend späten Live-Aufnahmen aus den Decca-Archiven sind daher in jeder Hinsicht erstaunliche Stellungnahmen eines Präzisionsarbeiters, der sich mit verblüffender Stringenz in die Klangwelten der Kompositionen einfindet.

Sei es die vermeintliche Verschmitztheit der Mozart-Sonaten, die kraftgenialische Transzendenz der späten Beethoven-Sonaten oder auch die versunkene Verstocktheit eines Scriabin oder das wütenden Pathos eines Prokofiev - Richter gelingt es, mit jedem Ton zu überzeugen und dem Atem der Musik zu folgen, so als wäre sie nur für ihn und seine Klangkompetenz, seine feine Farbgebung und empathische Gestaltung geschaffen worden. Das ist hohe Kunst, in jeder Schwingung, und ein Pflichtprogramm für jeden, der seine Sammlung klassischer Meisterwerke ernst nimmt.