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09.05.2007

Die tanzende Dirne

Die tanzende Dirne

Das Thema der liebenden Kurtisane hat die Künstler im 19.Jahrhunderts besonders fasziniert. Schließlich kann man daran eine ganze Reihe von Kulturstereotypen entwickeln, vor allem den Konflikt der erotischen 'femme fatale' mit der schwindsüchtigen Tragik der 'femme fragile'. Natürlich muss die Frau  am Ende sterben, um den bürgerlichen Männerphantasien zu genügen, bei Alexandre Dumas Romanvorlage "Die Kameliendame" genauso wie bei Giuseppe Verdis berühmter Adaption für die Opernbühne "La Traviata". Und daran ändert sich auch nichts, als rund ein Jahrhundert später der Choreograph John Neumeier den Stoff abermals für die Bühne bearbeitet. Diesmal allerdings wurde es ein Ballett und durch eine geschickte Verklammerung mit Vor- und Nebengeschichten und der Musik von Frédéric Chopin bekommt das Geschehen eine durchaus ungewohnte Wendung.

Für John Neumeier war es eine Herausforderung. Er hatte der Tänzerin Marcia Haydée und ihrer Compagnie nach dem Tod des Direktors des Stuttgarter Balletts John Cranko 1973 versprochen,  bei Gelegenheit ein wenig zu helfen. Nun war die Situation eingetreten und so waren Geistesblitze gefragt, die in eine gute und erfolgreiche Produktion münden könnten. In der Rückschau war diese Phase für den Choreographen durchaus mit Stress verbunden: "Während eines Essens mit Marcia Haydée kam mir dann blitzartig bei ihrem Anblick die Idee, für sie die 'Kameliendame' nach einem Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren zu kreieren, der mich seit vielen Jahren schon faszinierte. Der Stoff des Balletts war also gefunden, zu welcher Musik ich aber die 'Kameliendame' choreographieren wollte, wusste ich anfangs noch nicht. Meine erste Idee war, Verdis Opernmusik bearbeiten zu lassen, ein Plan, den ich jedoch bald wieder verwarf. Dann fand ich sogar die Partitur für ein abendfüllendes Ballett zu diesem Thema von den französischen Komponisten Henri Sanguet, die mir bei näherer Betrachtung allerdings auch nicht die richtige Musik zu sein schien. Der Zeitpunkt des Probenbeginns rückte schon bedenklich näher. Bei einem weiteren Essen traf ich zufällig den Dirigenten Gerhard Markson und stellt ihm verzweifelt die Frage: 'Welche Musik würden sie für ein Ballett nach Dumas' 'Kameliendame' nehmen?' Er überlegte einige Minuten und antwortete: "Chopin oder Berlioz oder beide zusammen'. Ich war begeistert von dem Chopin-Gedanken, denn ich liebe diesen Komponisten sehr, hatte aber noch nie etwas zu seiner Musik choreographiert. Ich bat Herrn Markson um eine Zusammenstellung der Stücke, die für das Ballett in Frage kämen. Innerhalb weniger Wochen entstand dann das musikalische Konzept, so wie es jetzt ist".
 
Von da an ging es schnell voran. Neumeier erweiterte das ursprüngliche Geschehen um eine Rahmenhandlung, in der Marguerites Liebhaber Armand in der Rückschau der Anlass gegeben wird, die ganze Geschichte um die von ihm so verehrte, aber leider Opfer überzogener Moralvorstellungen und ausschweifenden Lebens gewordene Dirne dem Vater - und damit natürlich auch dem Publikum - zu erzählen. Es ist ein weit ausladender Plot, der die Tänzer und Tänzerinnen von Paris aufs Land und wieder zurück in die Hauptstadt führt und dabei immer mehr Verwicklungen integriert. Der Fortgang der Handlung wird über ein Geflecht von Rückblenden ermöglicht, wobei sich für die Umsetzung das Medium Film im Besonderen anbot. So wurde die Musikfilmspezialisten der Unitel beauftragt, das Neumeier-Ballett in eine cineastische Form zu bringen, die die reizvolle Inszenierung auch für die Nachwelt festhielt. Gedreht wurde 1987 und es wurde ein hochgelobter Triumph nicht nur für Neumeier, dessen faszinierende Bilderwelt in Union mit Chopins Melodien sich nun einem breiteren Publikum erschließen konnten, sondern auch für Marcia Haydée, die die Titelrolle tanzte, und deren Gegenüber wie Ivan Liska als Armand, die zu der glanzvollen Einspielung durch das NDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Heribert Beissel und den solistischen Klavierklängen von Volker Banfield ein Ballett in der internationalen Liga präsentierten. Viel gelobt bei seiner ersten Veröffentlichung Ende der Achtziger liegt nun die Reedition in feinster Bildqualität und 5.1. Surround Sound (wahlweise PCM Stereo) auf DVD vor. Ein herausragendes Tanzfilmdokument.