Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

09.05.2007

Joseph, runderneuert

Joseph, runderneuert

Die Ballets Russes waren ein revolutionäres Ensemble. Anfang des vergangenen Jahrhunderts von Sergej Diaghilew aus Mitgliedern des Moskauer und Petersburger Hofballetts gegründet, schaffte es die Tanzgruppe durch zahlreiche Uraufführungen und ein weitaus weniger formalistisches, an Emotionen, Üppigkeit und Bildern orientiertes Prinzip als bislang üblich die Vorstellung der musikalischen Bewegung auf der Bühne neu zu definieren. Hier ging es um Kunst für die Kunst und das faszinierte auch Richard Strauss, der für die Ballets Russes 1913/14 "Josephs Legende" zu einer Bühnenvorlage von Hugo von Hoffmannsthal schrieb. Die Reaktion der Zeitgenossen allerdings war wenig euphorisch. Vielmehr wurde das Missverhältnis von kargem Plot und üppiger Verpackung moniert, bis hin zu einer ablehnenden Haltung des Publikum, die dafür sorgte, dass das Werk vorerst in der Versenkung verschwand.

So hatte auch John Neumeier zunächst seine Bedenken, "Josephs Legende" für die Bühne zu reaktivieren. "Im Grunde ist 'Josephs Legende' in der Originalfassung ein Ballett, das hinter seiner Zeit zurückbleibt. Es arbeitet mit Stilmitteln und dramaturgischen Methoden, die während seiner Entstehung von Nijinskys umwälzenden, revolutionären Choreographien überholt wurden. Was zehn Jahre früher die stagnierende Ballettkunst reformiert hatte - die Suche nach einem besonderen Milieu, einem einheitlichen Kostüm und einem entsprechenden Tanzstil - war sozusagen über Nacht veraltet, hatte sich inzwischen in einer Fülle von halb exotischen, halb erotischen Sujets erschöpft und führte sich nun selbst ad absurdum", erläutert der berühmte Choreograph Neumeier die Hintergründe für die Bewertung  von Strauss' Ballett, das mit seiner quasi biblischen Handlung ohne wirklichen Höhepunkt - Joseph wird auserwählt und erkennt seine Bedeutung - zunächst wenig Attraktivität für die intensitätsverliebte Gegenwart zu bieten scheint. "Weil die Leute sich nicht beklagen sollten 'dass das gar kein Ballett ist', dass darin 'ja gar nicht getanzt wird' (Harry Graf Kessler), wollten die Autoren das Stück nicht mehr 'Ballett' nennen, sondern bevorzugten die Bezeichnung 'Mysterium' oder eben 'Legende' ... Um das Werk zu retten, muss man darum meiner Meinung nach die lebenden Bilder und mimischen Szenen durch Tanz ersetzen, das Ganze nach gegenwärtigen dramaturgischen Gesichtspunkten neu überdenken und die zahllosen Details des Textbuches, die sich in der malerischen Schilderung jeder kleinen Handlungsepisode erschöpfen, zugunsten der wesentlichen Problematik vernachlässigen. Dass jemand verführt werden soll und widersteht, ist nicht abendfüllend. Den Prozess vorzuführen, den Joseph durchleben muss, bis er seine eigentliche Aufgabe antreten kann, war mir wichtig."

Neumeier sagte daher doch zu, als ihm die Möglichkeit gegeben wurde, in Wien "Josephs Legende" mit dem Spitzenensemble der Staatsoper zu choreographieren. Dabei war es von zentraler Bedeutung für die Wirkung des Werkes, dass er die Waage zwischen der Opulenz der originalen Bühnenanweisungen und der modifizierten Vorstellung einer abstrakteren Darstellung halten konnte. Das wurde zum einen möglich durch die dezent phantastischen Kostüme und das Bühnenbild von Ernst Fuchs, aber auch durch eine straffe Handlungsführung, die die Versuche der Verführung Josephs durch Potiphars Frau ebenso klar aus dem Geschehen heraus entwickeln wie die Wende vom Lustobjekt zum Propheten durch das Eingreifen des Engels in der letzten Szene. In den Hauptrollen der im Sommer 1977 entstandenen Fernsehfassung brillierten Kevin Haigen in der Titelrolle, Karl Musil als Engel, Franz Wilhelm als Potiphar und Judith Jamison als dessen Frau. Die Musik wurde von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Heinrich Hollreiser umgesetzt, eine Kombination, die in Zusammenarbeit mit den Kameraprofis der Unitel eine wichtiges Beispiel für die Tanzkunst der siebziger Jahre hat entstehen lassen, das nun in brillantem Surround-Klang (wahlweise PCM Stereo) und ebenso bestechender Bildqualität auf DVD erhältlich ist.