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02.05.2007

Der verkannte Geniestreich

Der verkannte Geniestreich

Die lyrische Oper gab sich distinguiert. Emotionen sollten gezügelt werden, Grazie und Eleganz standen im Vordergrund. Wenn überhaupt einmal gelitten und geschwelgt wurde, dann in der großen Oper. Hier hatten Tragik und Schicksal ihren Platz, hier lebten und starben Helden in edler Schönheit. Und für Komisches, da gab es noch die Opéra Comique, das leichte Genre mit dem Hang zu Unterhaltung. Insofern war es durchaus gewagt von einem Komponisten, die Regeln der Pariser Bühne Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durcheinander zu wirbeln und mit "Carmen" etwas Neues, Irritierendes zu schaffen. Auf lange Sicht hat Georges Bizet Recht behalten, denn das Werk wurde zu einem der wichtigsten der Opernbühne überhaupt und gehört daher in die Focus Edition 400 Jahre Oper, insbesondere wenn es eine wunderbare Inszenierung wie aus der Met mit Agnes Baltsa in der Titelrolle auf DVD zu feiern gibt.

George Bizets "Carmen" war in mancher Hinsicht visionär, denn sie stellte Fragen, die zu ihrer Zeit durchaus ungewöhnlich waren. Da war zunächst der Stoff, der eine Zigeunerin und einen zum Verbrecher aus Leidenschaft herabgesunkenen Aristokraten in den Mittelpunkt stellte. War der untreue Adelige im Rahmen Opéra Comique durchaus geläufig, galt das Milieu der Titelrolle als problematisch. Die Outlaws der bürgerlichen Gesellschaft waren bis zu diesem Zeitpunkt gelegentlich  als Kolorit, aber nicht als Mittelpunkt einer Oper geduldet. Für Bizet jedoch bestand gerade darin der besondere Reiz. Denn mit Carmen konnte er nicht nur sinnliche, freiheitliche und leidenschaftliche Elemente in die Handlung einbeziehen, sondern sich darüber hinaus auch plausibel mit dem klanglichen Reiz der so genannten Zigeunermusik beschäftigen, die im Kern allerdings kreolische Wurzeln hatte. Da er mit den Librettisten Henri Meilhac und Ludivoc Halévy über ein ausgezeichnetes, unterhaltungserprobtes Team verfügte - sie waren unter anderem auch erfolgreich für Offenbach tätig -, entwickelte die Umarbeitung der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée erfrischend unmittelbare Qualitäten. Die von Bizet ein mit herb romantischen, volksmusikalisch inspirierten Klängen und Figuren aus dem Underdog-Millieu  umworbene stadtbürgerliche Klientel allerdings fühlte sich düpiert, überfordert. Die Quittung kam postwendend. Nachdem schon das Orchester über zu schwierige Passagen gemault und Bizet zur Streichung mehrerer Details veranlasst hatte, bedachten die Pariser die Uraufführung am 3.März 1875 mit eisigem Schweigen. Bizet war gescheitert, starb bald nach dem vermeintlichen Misserfolg und erlebte nicht mehr, wie seine "Carmen" nur wenige Jahrzehnte später zu einer der meist gespielten Opern der internationalen Schauspielhäuser wurde.
 
Was dem bürgerlichen Paris missfiel, waren aber gerade die Qualitäten, die das spätere Puiblikum begeisterten. Die melodramatische Handlung, die verschiedenen musikalischen Räume - Stierkampf, Schmuggler- und Zigeunerambiente -, die Häufung großartiger, pathetischer Ohrwürmer, überhaupt die Lebendigkeit und Stringenz der Handlung lässt sie bis heute ganz oben auf der Popularitätsliste der Schauspielhäuser rangieren. Denn "Carmen" ist im Kern eine der aufregendsten Opern der Geschichte, obwohl oder gerade weil sie souverän mit den Klangklischee unterschiedlicher Herkunft umgeht. Und ihre Wirkung hängt natürlich auch von einer Hauptdarstellerin ab, die genau diese Balance zwischen Eros und Kunst, Unmittelbarkeit und Bühnendramatik zu halten versteht. Die griechische Mezzosopranistin Agnes Baltsa erwies sich dabei als eine Idealbesetzung, die das Publikum zu einer Woge der Begeisterung hinzureißen verstand. Ende der Achtziger verkörperte sie an der New Yorker Metropolitan Opera die tragische Carmen und José Carreras wurde ihr als ebenso überzeugender Don José gegenübergestellt. Die Inszenierung orientierte sich an dem Klassiker Sir Peter Halls, am Pult des Orchesters war James Levine zu erleben. Das waren ideale Voraussetzungen für weltweit umjubelte Aufführungen, die 1988 im Auftrag der Met aufgezeichnet wurden und nun als ein weiteres Schmuckstück der Focus Edition 400 Jahre Oper erschienen sind.