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25.04.2007

Größe, Leidenschaft

Größe, Leidenschaft

Die Bezeichnung "Opéra Comique" ist ein wenig irreführend. Schließlich endet sie beispielsweise für eine Protagonistin wie Carmen alles andere als komisch. Sie verweiset vielmehr auf eine bereits im 19.Jahrhundert überkommene Tradition, die sich im postbonaparteschen Frankreich in den Kulturbetrieb gerettet hat. Denn zu Zeiten aristokratischer Herrschaft war den Adeligen die hehre Form der "Tragödie" vorbehalten, während sich das einfache Volk mit "Komödien" zu begnügen hatte. Vor diesem Hintergrund blieb das Komische im Namen bestehen, denn es bot sich als komplementärer Begriff zur "Grand Opéra" an, mit der sich die französische Kulturnation in Absetzung von den italienischen Klangmoden feierte. Dass in beiden Gattungen Meisterwerke der Musikgeschichte entstanden, belegt vielfarbig der dritte Teil der Focus Edition 400 Jahre Oper, der unter dem Titel "L'Amour, l'Amour" den Blick auf Paris und seine Künstler richtet.

Europa war in Bewegung. Mit dem Gedankengut der Aufklärung hatten sich die jahrhundertelang bestehenden Herrschaftsverhältnisse verändert und erst über die Französische Revolution, dann über Napoleon ihren für jeden spürbaren Ausdruck erhalten. Auch wenn Bonaparte sich die Kaiserkrone aufsetzte und damit an die aristokratischen Gewohnheiten des vergangenen Ancien Régime anknüpfte, so war es doch vor allem das Bürgertum, das aus den Auseinandersetzungen der Stände gestärkt hervor ging. Und es suchte nach Möglichkeiten der kulturellen Repräsentation, die es beispielsweise in der "Grand Opéra" fand. Dabei waren die Voraussetzungen in Frankreich grundlegend unterschiedlich zu denen in anderen europäischen Staaten. Während die deutschen Länder und Italien vor allem um ihre nationale Einheit rangen und mit dem teutonischen Mystizismus eines Richard Wagner und dem Verismo im Gefolge Giuseppe Verdis ihre Ausdrucksformen fanden, bevorzugte man in Paris die Selbstbestätigung einer noch immer absolutistisch organisierten, auf die Metropole bezogenen Kunstform, die den eigenen hohen Anspruch verdeutlichte. So sang man in der "Grand Opéra" natürlich auf Französisch, liebte großen Aufwand und bombastische Szene und eine dramatische Handlung, in der private und historische Konflikte aufeinander treffen. Die Vorlage für diese Form stammte von einem Immigranten, dem 1825 aus Preußen nach Paris gezogenen Giacomo Meyerbeer. Seine monumentalen Werke "Robert le Diable", "Les Hugenots" oder "Le Prophète" setzten den Maßstab, an dem sich in den folgenden Jahren die Kollegen zu orientieren hatten.

Und sie machten es mit unterschiedlicher Konsequenz. Während sich ein Shakespeare-Fanatiker wie Charles Gounod mit Begeisterung auf dramatische Stoffe wie "Roméo et Juliette" stürzte, pflegte Georges Bizet in "Carmen" den stilistischen und inhaltlichen Tabubruch, indem er das Historische und Gewaltige zugunsten der Leidenschaft in durchaus als pikant empfundenen gesellschaftlichen Kreisen in den Mittelpunkt stellte. Jacques Offenbach wiederum, der bereits als Operettenmeister galt und daher einen Draht zum Populären hatte, befasste sich gerne mit Fantastischem und Fantasiertem wie etwa in den vielschichtigen "Les Contes D'Hoffmann" und Jules Massenet ging mit "Thaïs" bis ins Ägypten der Spätantike zurück. So ist das Spektrum der musikalischen und gestalterischen Möglichkeiten groß, auch wenn das Thema Gefühl und Leidenschaft zentral bleibt. Insofern kann der dritte Teil der Focus Edition 400 Jahre Oper aus den Vollen schöpfen und von bombastischen Chorszenen bis zu herzzerreißenden Liebesarien, von Meyerbeers Monumentalität bis hin zu Gounods Gefühlsausbrüchen ein immenses Spektrum großartiger Musik präsentieren, das wie schon in den vorangegangenen Teilen der Serie von den besten Künstlern ihres Fachs vorgestellt wird. Dazu gehören legendäre Stimmen wie Joan Sutherland, Beverly Sills, Montserrat Caballé, Placido Domingo und Fritz Wunderlich ebenso wie die neuen und jungen Koryphäen von Nicole Cabell und Magdalena Koszena bis Roberto Alagna und Joseph Calleja. An den Pulten der Orchester geben sich Maestros wie Sir Georg Solti, Claudio Abbado, James Levine  und Marc Minkowski den Taktstock in die Hand, so dass ein rundum souveräner Überblick über eine der schillernden Epochen der Operngeschichte entstehen kann, deren Melodien bis heute fest zur Klangkultur der europäischen Zivilisation gehören.