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18.04.2007

Astor Piazzolla - Musik für die Seele

Astor Piazzolla - Musik für die Seele

Natürlich ist es ein Ding, die Musik von Astor Piazzolla zu hören, ihrer Melancholie nachzuspüren, die sich bis in die verborgenden Gefilde des Gefühls ausbreitet. Aber es ist noch einmal etwas anderes, den Meister des Tango Nuevo auch dabei zu sehen, wie seine Finger über die Knöpfe des Bandoneons gleiten und dem rätselhaften Instrument wunderbare Töne entlocken. Im Jahr 1986 war es dem Feature-Spezialisten José Montes-Baquer gelungen, Piazzolla für ein Fernsehinterview zu gewinnen. Er ergänzte das Portrait um wenige Monate zuvor zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) entstandene Konzertaufnahmen und so konnte zusammen mit den Musikfilm-Profis der Unitel die Hommage "The Next Tango" entstehen, die nun als DVD-Edition erschienen ist.
 

In Deutschland begann es mit einem Festival. Die (West)Berliner Festspiele GmbH hatte 1982 unter dem Motto "Horizonte" ein Konzertprogramm in der geteilten Hauptstadt ins Leben gerufen. Unter anderem hatte man auch den Großmeister des neuen Tangospiels Astor Piazzolla eingeladen, der seit Jahren zum Teil im Exil in der Weltmusikmetropole Paris lebte, in Deutschland bis dato nur einigen Spezialisten ein Begriff war. Der Bandoneonist und seine Band hinterließen in Berlin einen tiefen Eindruck. Im Anschluss an die Veranstaltungen wurden Bänder und Schallplatten herum gereicht, eine neue Begeisterung für eine über Jahrzehnte hinweg in Vergessenheit geratene Welt musikalischer Intensität erfasste nicht nur die kulturinteressierte Schicht. Man begann, wieder Tango zu tanzen, wie schon damals in den Zwanzigern, und vor allem gehörte Piazzollas Musik von da an hierzulande zu den Konstanten der Konzertprogramme. Es war eine späte Genugtuung für den Musiker und Komponisten, denn Piazzolla hatte es in seinem Leben durchaus nicht immer leicht gehabt.
 
Geboren am 11.März 1921 im argentinischen Mar De Plata verbrachte er einen großen Teil seiner Kindheit in New York. Seine Familie war vor der wirtschaftlichen Depression nach Little Italy geflüchtet und dort kam der Junge auch das erste Mal persönlich mit einem Bandoneon in Kontakt. Sein Vater hatte ihm bei einem Pfandleiher ein Exemplar erstanden und Piazzolla freundete sich autodidaktisch mit dem diatonischen Gewirr der Knöpfe an. Er war so begabt, dass ihn der Tango-Sänger und Bonvivant Carlos Gardél noch als Teenager für eine Nebenrolle in dem Film El Dia Que Me Quieras engagierte. Der Novize sollte sogar mit dem berühmten Vorbild auf Tournee gehen, war aber noch zu jung dafür - zum Glück, denn Gardél verunglückte während der Konzertreise bei einem Flugzeugabsturz. So kehrte Piazzolla 1937 nach Buenos Aires zurück und spielte bald  im Orchester des Komponisten Anibal Tróilo, traf auf Artur Rubinstein, nahm Unterricht bei Alberto Ginastera. Er verfeinerte sein Gespür für Ornamentik und Gestaltung und durfte 1954/55 durch ein Stipendium nach Paris, wo ihn die Komponistin und Pädagogin Nadia Boulanger darin bestärkte, sich zunehmend der eigenen argentinischen Wurzeln zu besinnen. Auf ihren Ratschlag hin entwickelte er den lange in ihm schon wachsenden Gedanken weiter, den Tango vom Image des Rotlichtmillieus und der Vorstadtfolklore zu befreien und ihn zur konzertanten Musik zu machen.
 
Damit stieß er auf großen Widerstand. Traditionelle Musiker sahen in ihm einen Verräter der Kultur.  Piazzolla ließ sich nicht beeindrucken und experimentierte mit dem Octette De Buenos Aires und den Orchestre De Cordes. Er entwickelte die Kunstform des "Tango Nuevo", schrieb Bandoneonkonzerte, arbeitete mit Jazzmusikern wie Gerry Mulligan ebenso wie mit den Dichtern Luis Borges und Horacio Ferrer, mit Mstislav Rostropovich, dem Kronos Quartet und später sogar mit Grace Jones, deren Adaption des "Libertango" Piazzolla anno 1981 in die Hitparaden brachte. Als der Meister am 4.Juli 1992 in Buenos Aires starb, hinterließ er mit mehr als 300 Tangos, diversen Filmmusiken, symphonischen Konzerten und Ballettkompositionen, insgesamt ein Ouevre aus rund 1000 Werken, das bis heute die internationale Musikszene von Gidon Kremer bis zu Popstars wie Gotan Project inspiriert.

Wie es zu so manchem kam, erläuterte er 1986 vor der Kamera von José Montes-Baquer, von den Erlebnissen seiner Jugend, der schweren Jahren im Exil aus Angst vor den unberechenbaren Schergen der argentinischen Militärdiktatur bis hin zu den faszinierenden Klangdetails seines Instrumentes, das er mit der profunden Begeisterung erläutert, die bereits den Knabe in den Dreißigern beseelt haben muss. So entsteht ein faszinierendes Portrait, das mit Fernsehaufnahmen des WDR kombiniert wurde, die wiederum auch als eigenständige Konzerte auf der DVD zu erleben sind. Dabei handelt es sich um das 1979 uraufgeführte Bandoneon-Konzert, ein Pendant von 1985 für Bandoneon, Gitarre und Orchester mit Cacho Tirao als zweiten Solisten und den  berühmten Tango "Adios Nonino", den Piazzolla in Andenken an seinen aufopfernden Vater geschrieben hatte. Das alles ist sowohl in Surround-Sound als auch in PCM Stereo zu erleben und macht die DVD "The Next Tango" zu einem Muss für alle musikalischen Weltenbummler und Fans des Meisters.