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28.03.2007

Zwei Europäer in New York

Zwei Europäer in New York

Fotos zeigen ihn in der zeittypischen Inszenierung des numinosen Maestros, mit genialisch strengem, herausforderndem Gesichtsausdruck. Das muss auch Greta Garbo begeistert haben, mit der Leopold Stockowski eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte. Darüber hinaus aber war er einer der prägenden  amerikanischen Dirigenten der Jahrhundertmitte, der immerhin 24 Jahre lang die Geschicke des Philadelphia Orchestra leitete und bis in die Siebziger hinein kreativ am internationalen Musikleben mitwirkte. Drei Jahrzehnte nach seinem Tod bringt daher die Decca Stokowskis Aufnahmen für die amerikanische Division der Decca im Rahmen der Original Masters wieder in die Läden, gekoppelt mit den raren Aufnahmen seines griechischen Kollegen Dimitri Mitropoulos, deren künstlerische Lebenswege sich für wenige Monate in New York kreuzten, als sie gemeinsam zu Chefdirigenten der Philharmoniker ernannt wurden.

Leopold Stokowski (1882-1977), geboren und aufgewachsen im London des Fin-de Siècles, hielt sich schon aus Prinzip nicht sklavisch an die Partituren. Er entstammte einer romantischen Dirigiertradition, die das aus sich selbst heraus schaffende, dem Künstler auf gleicher Höhe begegnende Individuum proklamierte. Damit gehörte er zur Generation Furtwänglers, auch wenn er stellenweise noch weit mehr als die Kollegen in den Text eingriff, der ihm vorlag. Stokowski kürzte und veränderte, akzentuierte um und gewichtete neu, ohne jedoch das Werk an sich aus dem Auge zu verlieren. Und er war außerordentlich wählerisch, was die Aufzeichnung seiner Dirigate für die Nachwelt betraf. Erst als Mitte der Sechziger die Stereo-Technik ausgereift war, bekam man von ihm wohlwollende Bemerkungen über die Klangqualität zu hören. Um so reizvoller war es für die Decca, den angesichts Toscaninis oder Karajans aus der Mode gekommenen Stokowski von 1964 bis 1975 unter Vertrag nehmen zu können. Denn bis dahin gab es nur eine Handvoll rarer, aber exquisiter Aufnahmen für die amerikanische Tochter des Unternehmens, die der Maestro 1960 und 1963 gemacht hatte. Das eine war eine Einspielung von Brahms "Serenade Nr. 1, D-Dur, op.11", die er als Leiter von Toscaninis ehemaligem NBC Symphony Orchestra gemacht hatte, das nun den Namen Symphony On The Air trug, außerdem eine Interpretation von William Levi Dawsons "Negro Folk Symphony", die er mit seinem eigenen Ensemble, dem American Symphony Orchestra, verwirklichte. In beiden Fällen präsentiert sich ein immens vitaler Meister der Stimmungen und Klangfarben, der sich der orchestralen Wirkung bis ins Detail bewusst war.
 
Insofern ähnelten sich Stokowski und Kollege Dimitri Mitropoulos (1896-1960), wenn auch der gebürtige Athener als gelernter Pianist weitaus konzertanter dachte. Ihre Interessen überschnitten sich auch in der Vorliebe für zeitgenössische, vor allem auch amerikanische Komponisten, wenn auch da wiederum in anderer Gewichtung, der eine eher symphonisch, der andere auch an der Opernbühne orientiert. In der Saison 1949/50 wurden sie beide als Chefdirigenten des New York Philharmonic Symphony Orchestra bestimmt. Stokowski blieb allerdings nur wenige Monate, während Mitropoulos bis 1957 mit dem Ensemble arbeitete, um schließlich die Leitung an seinen Schützling Leonard Bernstein weiter zu geben. Damals war er bereits ein gern gesehener Gast in Salzburg und wäre 1960 schließlich an das Pult des WDR Symphonie-Orchesters gewechselt, wenn er nicht bei einer Probe in Mailand an einer Herzattacke gestorben wäre. Zu seinem Vermächtnis gehören daher die raren Aufnahmen für die American Decca, zwei Kammermusikwerke von Prokofjew ("Quintett, G-moll, op.39", "Ouvertüre über Hebräische Themen, op.34"), die er mit New Yorker Stipendiaten verwirklichte, und die "Night Music" von Howard Swanson, die er ebenfalls mit den New York Ensemble Of The Philharmonic Scholarship Winners umsetzte.

So ist dieses Doppel-Album der Frühjahrsstaffel von Original Masters in vieler Hinsicht eine Überraschung, vor allem im Rückblick auf die faszinierende Energie einer Dirigiertradition, die im dritten Drittel des Jahrhunderts von der verhalteneren historischen Aufführungspraxis abgelöst wurde. Darüber hinaus gibt es drei weitere Folgen zum Wiederentdecken. Zum einen widmet sich der Organist Helmut Walcha mit dem für ihn typischen Ernst dem gewaltigen Variationswerk Bachs "Die Kunst der Fuge". Zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit ist der ungarisch-amerikanische Pianist Andor Foldes geraten, dessen stupende spieltechnische Fähigkeiten mit dem Doppelalbum "Wizard Of The Keyboard" in Erinnerung gebracht werden. Und darüber hinaus gibt es auch noch eine Folge für Herz und Gemüt, wenn mit der Doppel-CD "Lieder" die Kunst der Sopranistin Irmgard Seefried präsentiert wird, die vor allem in den Sechzigern zu den Stars ihrs Fachs von Salzburg bis an die Met in New York zählte.