Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

26.03.2007

Kern der Moderne

Zehetmair Quartett, Kern der Moderne

Letztlich ist Notation nur ein Hilfsmittel. Sie versucht, möglichst genau die Ideen eines Komponisten festzuhalten, im Wissen darum, dass es immer ein unvollkommenes Unterfangen bleiben wird. Auf der anderen Seite bietet sie weitaus mehr Möglichkeiten, als es auf den ersten Blick scheinen will. Vor allem wenn Werke auf kongeniale Musiker treffen, die ihre Vorstellung von Freiheit mit der der Komponisten abgleichen. Das ist einer der Gründe, warum das Zehetmair Quartett seine Werke grundsätzlich auswendig spielt. Und es trägt auch nachhaltig dazu bei, dass die Interpretationen durch dieses ungewöhnliche Ensemble ebenso offen wie konzise wirken. Neuestes Beispiel dafür ist das Doppel-Programm mit Bartók V und Hindemith IV.

Auswendig spielen macht Arbeit. Es erfordert ungewöhnlich intensive Vorbereitung aller Beteiligten, ein    zugleich präzises und flexibles Werkverständnis und das gemeinsame Bedürfnis eines Ensembles, Stücke in einer zugleich intellektuellen und intuitiven Art zu durchdringen. Es ist genau genommen die hohe Kunst des Spiels und für den österreichischen Geiger Thomas Zehetmair alternativlos: "Die Idee dieses Quartetts entstand ja auch als Reaktion auf die zahlreichen Kammermusikfestivals, bei denen ich einige Jahre lang regelmäßig zu Gast war. Da hat man unheimlich viel Stücke gefressen, ein paar Tage intensiv geprobt und sich großartig amüsiert, viel geredet, viel gespielt. Das war eine sehr schöne Zeit, aber das ist vorbei, diese Arbeitsweise reizt mich nicht mehr. Wir wollen uns nicht mehr gegenseitig fragen müssen: 'Was spielst Du denn an dieser und jener Stelle ganz genau?' - was früher beinahe Hauptgesprächsthema bei den Proben war. Wir kultivieren jetzt quasi das umgekehrte Extrem, wodurch wir so viel Freiheit gewinnen, dass auch bei Aufnahmen kein Take so wie der andere klingt, weil jedes Mal so viele neue Dinge entstehen." Seit der Gründung des Ensembles 1994 sind bereits zahlreiche Festivals und Tourneen von Japan bis Helsinki ins Land gegangen, es gab hohe Auszeichnungen für dessen Arbeit wie den Diaspon d'Or oder den Gramophone Award, und doch scheinen für den Namensgeber und dessen Mitstreiterinnen die Herausforderungen gerade erst angefangen zu haben: "Routine interessiert uns nicht, das ist klar. Und ein Stück wie Bartók V, das wir schon viel im Konzert gespielt haben, wird auswendig mit der Zeit nicht wirklich leichter - im Gegenteil: der Anspruch steigt ja immer weiter. Andererseits sind wir sehr froh, weil wir das Gefühl haben, dass sich die Stärken und Einflüsse der vier Spieler addieren, wenn man wirklich aufeinander hört."

So ist die Einspielung des fünften Streichquartetts von Béla Bartók und des vierten Streichquartetts von Paul Hindemith in mancher Hinsicht sowohl ein Zeichen von Kontinuität, als auch ein neuer Anfang. Denn zum einen knüpft die im Juni 2006 entstandene Aufnahme an Zehetmairs erste CD für ECM New Series an, die vor sieben Jahren Bartók IV mit dem ersten Quartett von Karl Amadeus Hartmann kombinierte. Auf der anderen Seite bewähren sich Kuba Jakowicz an der zweiten Geige und der Cellistin Ursula Smith als zwei neue Mitglieder innerhalb des Ensembles, die erst vor eineinhalb Jahren dazu gestoßen sind. Allerdings haben sie bereits Arbeitsweise und Ausdrucksform derart verinnerlicht, dass es klingt, als seien sie von Anfang an dabei gewesen. Das Zehetmair Quartett kann sich daher mit all seiner auswendigen und inwendigen Kraft diesen zwei Meisterwerken widmen, die auch inhaltlich sich kontrastreich verknüpfen lassen: "Bartók und Hindemith sind zwei der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, beides konzertierende Solisten und Kammermusiker, die auch musikethnologisch tätig waren. Bei einem Kongress in Ägypten sind sie ja aufeinander getroffen, das Bild im CD- Booklet hält es fest. Beide Stücke sind fünfsätzig angelegt, wobei Bartóks viertes und fünftes Quartett in ihrer Symmetrie um einen Zentralsatz herum eigentlich einen Mini-Zyklus innerhalb seines Quartettschaffens bilden: Dort das enorm kompakte vierte, hier das kompromisslos wilde, wesentlich umfangreichere fünfte Quartett. Bei Hindemith ist die Fünfsätzigkeit eher so gefasst, dass der erste und zweite und dann wieder der vierte und der fünfte Satz ineinander übergehen." Wildheit und Kontrolle, Offenheit und Präzision, Modernität und Überraschung - das Zehetmair Quartett gibt dem Hörer mit seinem Programm einen Leitfaden an die Hand, mit der sich der Kern der zeitgenössischen Klanggestaltung an zwei großartigen historischen Grundpfeilern entdecken lässt.