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07.03.2007

Kleine Besetzung, feine Besetzung

Kleine Besetzung, feine Besetzung

Haydn, Mozart, Beethoven - die Vorbilder waren mächtig und normbildend. Dementsprechend vorsichtig näherte sich Johannes Brahms dem Medium des Streichquartetts. Die ersten Versuche wurden von ihm mehrfach verworfen und es bedurfte einigen Zuspruchs enger Freunde, bis schließlich doch noch Werke entstanden, die der mit sich stets kritisch ins Gericht gehende Komponist der Musikwelt für würdig befand. Insgesamt wurden es drei Streichquartette und ein Klavierquintett, die dem Werkverzeichnis hinzugefügt werden konnten und derer sich nun das amerikanische Emerson String Quartet in gewohnter und zuverlässiger Perfektion zuwendet.

Es gibt Musikfreunde, die in Johannes Brahms überhaupt den größten Meister der Kammermusik im ausgehenden 19. Jahrhundert sehen. Jedenfalls komponierte er insgesamt 24 Werke dieses Genres zu einer Zeit, wo viele seiner Zeitgenossen entweder der Opulenz oder der Virtuosität frönten. Für Brahms ging es jedoch um andere Dinge. Ihn interessierte der Raum, die Farbe, die Intimität von Musik und er war sich durchaus nicht sicher dessen, was er selbst produzierte. Insgesamt 20 Quartette soll er geschrieben haben, bevor er 1873 das erste davon veröffentlichte. Bereits zwei Jahrzehnte zuvor hätte er auf Vermittlung Robert Schumanns und Joseph Joachims ein solches Werk beim Verlag Breitkopf & Härtel einreichen sollen, doch er hatte sich gesträubt, aus Respekt vor den Vorbildern, aus Unbehagen gegenüber der bürgerlichen Salonmusik, aber auch aus inhaltlichen Zweifeln, den Ansprüchen der Kompositionskunst genügen zu können. Der erste Schritt in die Richtung war wiederum das "Klavierquintett in f-Moll, op. 34", das er 1865 zur Veröffentlichung freigab. Erst 1873, nachdem er sich ausführlich mit musikalischen Großformen wie dem Chorwerk "Deutsches Requiem" beschäftigt hatte und sich in seiner Ausdruckssprache noch sicherer geworden war, wagte er sich wieder an die kammermusikalische Kernzelle und komponierte die Quartette in a-moll und c-moll, die schließlich als op.51 gedruckt wurden. Es waren düstere, in mancher Hinsicht rhapsodische Stücke, vor allem das op.51/1, dessen finstere C-Stimmung mit einer versierten Ökonomie der Motivik koinzidierte.
 
Weitere drei Jahre dauerte es, bis sich Brahms noch einmal und diesmal zum letzten Mal dem Quartett zuwandte. 1876 vollendete er das B-Dur Quartett, op.67, das allerdings weitaus klassizistischer wirkte als die beiden Vorgänger und trotzdem sich bereits weit von der Idee der im privaten Rahmen präsentiertbaren und konsumierbaren Kammermusik entfernt hatte. Hier war ein Genre zu einem vorläufigen Ende gebracht, das erst mit den Experimenten des 20.Jahrhundert wirklich weiter geführt wurde. Für das Emerson String Quartet ist diese Tatsache natürlich eine besondere Herausforderung, zumal das amerikanische Spitzenensemble mit der Aufnahme der Brahms-Quartette sowohl sein 30-jähriges Bestehen, als auch zwei Jahrzehnte Verbundenheit mit der Deutschen Grammophon feiert.  Seitdem sich die vier Herren noch zu Studienzeiten 1976 an der Juilliard School in Manhattan zusammen gefunden hatten, gelang es ihnen im Eiltempo, die großen Säle der Konzertwelt zu erobern und sich als Spezialisten für Neudeutungen komplexen musikalischen Repertoires zu etablieren. Benannt nach dem Philosophen Waldo Emerson, waren sie bereits 1980 auf dem Niveau, um Uraufführungen wie das "4.Streichquartett" von Mario Davidovsky zu verwirklichen. Seitdem haben sie ihren Ruf mit zahlreichen Tourneen und Plattenaufnahmen gefestigt und sich zu einem der angesehensten Kammerensembles Amerikas entwickelt, dessen Repertoire sich über das gesamte Spektrum der Notenliteratur erstreckt. Die drei Quartette und das Klavierquintett mit Leon Fleisher als Gast füllen daher nicht nur einen Lücke in der Diskographie des Ensembles, sondern zeigen mit klarer Präzision, welche visionäre Kraft in Brahms Musik verborgen ist. Und einmal mehr ist man versucht, die Selbsteinschätzung des Komponisten zu bedauern, dessen Vorbehalte gegenüber der eigenen Schaffenskraft manches weitere Meisterwerk verhindert haben.