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07.03.2007

Farbenspiele

Farbenspiele

Beethovens Begeisterung für die Klaviersonate hatte vor allem zwei Ursachen. Zum einen fühlte er sich seinem Vorbild Joseph Haydn verpflichtet, der diese Form der Solokunst zu einer ersten frühklassischen Blüte gebracht hatte. Darüber hinaus aber entwickelte sich auch das Instrument als solches rasant weiter und bot in Mechanik und Klanggestalt neue Möglichkeiten (auch wenn Beethoven sie mit zunehmender Ertaubung nur noch erahnen konnte). So sind seine Klaviersonaten noch immer ungewöhnliche Faszinosa der Klavierliteratur und ermöglichen es den Interpreten, sich mit großem Ausdrucksspektrum ihnen zu widmen. Wie etwa dem brasilianischen Meister Nelson Freire, dessen Klangfarben und rhythmischen Nuancierungen deutliche Akzente setzen.

Nelson Freire ist ein ungewöhnlicher Interpret. Von Anfang seiner Karriere an sah er keinen Sinn darin, sich den Zwängen des internationalen Musikbetriebes zu beugen und galt daher für manchen Kritiker als schwierig. Dabei versuchte er lediglich - und auf lange Sicht mit Erfolg -, sich nach einem fulminanten Start der Künstlerlaufbahn nicht verschleißen zu lassen. Am 18.Oktober 1944 im brasilianischen Bos Esperança geboren, machte er bereits als dreijähriger Wunderknabe am Klavier von sich reden. Er konzertierte als Kind regelmäßig und hinterließ bei seinen Zeitgenossen einen derart profunden Eindruck, dass noch in seinen Jugendjahren eine Straße nach ihm benannt wird. Am einheimischen Konservatorium von Nise Obino und Lucia Branco weiter ausgebildet, gelang Freire 1957 der Sprung in die brasilianische Hauptstadt, als er die erste Ausgabe des Wettbewerbs von Rio de Janeiro gewann. Ein im Anschluss daran gewährtes Stipendium brachte den Jungen zu Bruno Seidlhofer nach Wien. Er erhielt den nötigen interpretatorischen Feinschliff, der sich mit seinem originalen Temperament zu einer eigenständigen Mischung verband, die die Konzertbesucher faszinierte. Als Fünfzehnjähriger begann er regelmäßig und häufig zu touren, spielte über die sechziger Jahre hinweg nahezu überall in der Welt und gewann nebenbei Auszeichnungen wie 1964 die Dinu-Lipatti-Medaille in London. Seine Aufnahme der "24 Préludes" von Chopin brachte ihm anno 1972 weitere Preise ein, Freire jedoch begann gleichzeitig, am eigenen Können Abnützungserscheinungen festzustellen. Er reduzierte deutlich seine Konzerttätigkeit und arbeitete vermehrt im kammermusikalischen Bereich unter anderem mit dem Cellisten Misha Maisky und der Pianistin Martha Argerich. Erst seit ein paar Jahren tritt er wieder häufiger auch als Solist in Erscheinung.
 
Und hat Spaß an der Herausforderung, wie etwa der Interpretation von Beethoven-Sonaten, die es bereits in verschiedensten Ausführungen gibt und doch immer wieder neu klingen können. Das liegt unter anderem an ihrer besonderen Stellung im Werk des Komponisten. Sie begleiteten Beethoven von jungen Jahren bis ins hohen Alter, ließen ihn verspielt mit der Wiener Klassik kokettieren oder im Falle der rätselhaften "Sonate Nr.32 in c-moll, op.111" die formalen Grenzen der Gattung in Frage stellen. Sie wurden zu Hits wie die "Mondscheinsonate", zu Klassikern des Salonpianos wie die "Pathétique" und dokumentierten in vielfacher Art die künstlerische Gestaltungskompetenz des Komponisten. Insofern stellt es auch eine besondere Herausforderung dar, Sonaten aus allem Schaffensphasen von den Werken des jungen Virtuosen bis zu denen des introvertierten Sonderlings zu interpretieren, der bereits ertaubt nur noch im Geiste mit den Harmonien jonglierte. Freire wählte sich für sein Beethoven-Programm vor allem mittlere und späte Sonaten, wobei die "Mondscheinsonate" noch zu den Klassikern des Salonpianos gehört, sich im Fall der "Waldsteinsonate" aber bereits der Übergang vom Virtuosen zum Strukturellen und Philosophischen andeutet, der mit "Les Adieux" und vor allem mit der "A-Dur-Sonate, op. 110" vollends eingelöst wird. Dabei legt der Pianist vor allem Wert auf die Farben, die Klangbalance, überhaupt die inneren konzeptuellen Besonderheiten der Werke, die ihn etwa bei dem Spätwerk die Musik zu einer hypnotischen Intensität verdichten lassen. Gerade an solchen Interpretationen wird deutlich, dass Tiefe und Verständnis nur erreichen kann, wer sich ein Leben lang sich der Magie eines Instrumentes widmet, dessen Ausdrucksreichtum noch immer Überraschungen in sich birgt.