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07.03.2007

Der Reiz des Leichten

Der Reiz des Leichten

Die Kür waren in den späteren Jahren vor allem die Sonaten. Klavierkonzerte empfand Beethoven eher als Teil des unterhaltsamen Fachs, auch wenn die beiden Beispiele Nr.4 und Nr.5 bereits deutlich von seiner Arbeit als Symphoniker bestimmt waren. Die ersten drei hingegen orientierten sich klar am Vorbild Mozart und so ist es für Interpreten auch wichtig, diesen speziellen Geist des Leichten und Unterhaltsamen herauszuarbeiten, ohne dabei in Plattitüden abzuschweifen. Für einen Pianisten vom Niveau Mikhail Pletnev ist das von der technischen Seite ein Kinderspiel, auf der anderen aber auch eine Herausforderung, eben gerade diese Balance halten zu können. Gemeinsam mit dem Russian National Orchestra hat er sich ihr gestellt.

Beethovens Vater war ein Trinker. Als er mehr durch Zufall als durch gezielte Förderung feststellte, dass sein Sohn offenbar eine ungewöhnliche Begabung am Klavier hatte, versuchte er möglichst schnell, daraus Kapital zu schlagen. Er schickte den Siebenjährigen, den er um der Sensation willen noch zwei Jahre jünger machte, auf die Bühne und als sich das als erfolgreich erwies, beschloss er, dem Jungen auch Unterricht angedeihen zu lassen. Beethoven Junior muss ein dickens Fell gehabt haben, denn trotz solcher eher abschreckender Kindheitserfahrungen mit dem Klavier, blieb er zeit seines Lebens fasziniert von dem Instrument und schrieb dafür einige seiner zentralen Werke. Die 32 Klaviersonaten als wichtiges Experimentierfeld mit den Möglichkeiten struktureller, formaler Arbeit und deren Relativierung entstanden zwischen 1795 und 1822, die fünf Konzerte zwischen 1795 und 1809. Sie waren für die stilistische Entwicklung Beethovens nicht von gleicher Bedeutung wie die Laborform der Sonate, denn sie orientierten sich an der für das Publikum wichtigen Virtuosität der solistischen Partien. Außerdem entfernten sie sich trotz beispielsweise des unkonventionellen Anfangs des vierten Klavierkonzerts - hier beginnt das Klavier allein den ersten Satz und stellt die Themen vor, anstatt sich vom Orchester einführen zu lassen - nie vollständig von den Vorlagen Mozarts, die als konzeptionelles Schema die Ausgestaltung der Werke bestimmten. Beethoven beschäftigte sich während seiner späten Jahre kaum noch mit dieser Form. Ein 1815 angefangener Versuch blieb mit 60 Partiturseiten unvollendet.
 
Es wäre allerdings ein Trugschluss, die Klavierkonzerte aus diesem Grund als interpretatorische Propädeutik abzutun. Im Gegenteil: Leichtigkeit braucht besondere Kompetenz wie etwa in Gestalt des russischen Starpianisten Mikhail Pletnev. Geboren 1957 im russischen Archangelsk, wurde der Spross einer Musikerfamilie schon als Kind umfassend gefördert. Nach frühem Klavierunterricht besuchte er zunächst die Zentrale Musikschule in seiner Heimat, daraufhin von 1974 an das Moskauer Konservatorium. Zu seinen ersten wichtigen Lehrern gehörte unter anderem Jakob W. Flijer. Nach dessen Tod studierte Pletnev weiter bei Lew Wlassenko. Im Alter von 21 Jahren gewann er die Gold Medaille und den ersten Preis des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau und schaffte damit den Sprung aus der nationalen Klavierliga heraus. Er begann, weltweit Tournee zu spielen und konzertierte bald international mit den führenden Orchestern der Szene. Nach dem Zerfall des sowjetischen Systems erfüllte er sich 1990 einen lang gehegten Traum und gründete ein von Staat unabhängiges Orchester. Dieses Russian National Orchestra rekrutierte sich aus hervorragenden Musikern des ganzen Landes und entwickelte sich schnell zu einem international angesehen Ensemble. Zugleich etabliert Pletnev sich seit der Öffnung der Eisernen Vorhangs als einer der versiertesten Virtuosen seines Fachs in der internationalen Klavierszene. Er spielte seitdem regelmäßig in den großen Konzertsälen von der Carnegie Hall bis Peking, auch wenn ihn weiterhin eine besondere Beziehung mit dem Russian National Orchestra verbindet. Und so wundert es wenig, dass sich Pletnev für seine Einspielung von Beethovens mozartesken Klavierkonzerte Nr.1 und Nr.3 eben jenes Ensemble, in diesem Fall unter der Leitung von Christian Gansch, aussuchte. So konnten Einspielungen entstehen, die auf einem profunden Miteinander von Solist und Orchester aufbauen, das solistischen Eigenheiten wie dem Hang zum Pathos ebenso folgen wie die faszinierende Brillanz der russischen Klavierschule unterstreichen kann. Pletnevs Beethoven hat Wucht und Kraft ebenso wie Zartheit und Humor und reiht sich auf diese Weise nahtlos in die Riege der erstklassigen Deutungen dieser subtil hintergründigen Meisterwerke ein.