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28.02.2007

Skandal? Skandälchen!

Skandal? Skandälchen!

Ein empörtes Raunen geht durch die Klassikwelt. Der Musikproduzent William Barrington-Coupe hat nach massiven Anschuldigungen durch das britische Klassikmagazin Gramophone zugegeben, dass er die Aufnahmen seiner im vergangenen Jahre gestorbenen Frau, der Pianistin Joyce Hatto (1928-2006), seit Jahrzehnten mit Einspielungen anderen Kollegen verschnitten habe. Als Begründung gab er zutiefst menschliche Beweggründe an, die darauf hinausliefen, dass er seiner Ehepartnerin, die in 1970er schwer an Krebs erkrankte, die Frustationen des künstlerischen Scheiterns ersparen wollte, indem er ihr die eigene Perfektion vorgaukelte. Fälschung aus Liebe also, an der Hatto und Barrington allerdings ganz gut verdienten, weil die Pianistin in ihrer Heimat als Jahrhundertgestalt gefeiert wurde. Immerhin sollte sie, die Kranke und Genialische, auf mehr als 100 CD-Titeln ein Werk von Bach bis zur Gegenwart interpretiert haben.

Erstaunlich war dabei nicht die Tatsache der Manipulation an sich - dass kein Ton einer Aufnahme der Wirklichkeit entsprechen muss, sollte inzwischen ja zum Allgemeingut musikkulturellen Wissens gehören. Vielmehr wurden die Fälschungen nicht durch die Spezialisten der Szene entdeckt, sondern durch Zufall durch ein Computerprogramm. Als nämlich ein Hörer zwecks Erwerb eine Einspielung Hattos von Liszts "Transzendentalen Etüden" beim Musikportal iTunes identifizieren ließ, verwies die Software auf eine offenbar identische Aufnahme Laszlo Simons. Ironie des Schicksals: Die Technik, die die Verschleierung einer künstlerischen Identität bislang ermöglichte, sorgte nun in anderer Form für deren Dekonstruktion.

Nach der Entdeckung nun aber geht der Stress erst richtig los. Da stellen sich rechtliche Fragen: Welcher Ausschnitt gehört zu welchem Pianisten und inwieweit wurde er geschädigt? Dazu kommt das Moralische: Wie verwerflich ist dieses Tun? Was bedeutet es über den Einzelfall hinaus? Inwieweit darf ich meinen Ohren überhaupt noch trauen? Die Fachpresse wiederum muss sich ebenfalls an der Nase fassen lassen: Wie kommt es, dass all die ausgewiesenen Spezialisten diese Manipulationen über Jahrzehnte nicht bemerkt haben? Nicht zuletzt aber geht es auch um das Ästhetische und um den Mythos vom genialischen Künstler. Reinhard J. Brembeck hat diesen Aspekt in der heutigen Ausgabe durchaus provokativ für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zusammengefasst: "Manipulation ist also, selbst wenn das kaum jemand laut sagt, die Grundlage des Plattengeschäfts. Barrington hat dieses Prinzip nur auf die Spitze getrieben, auch wenn er moralisch und juristisch verwerflich gehandelt haben mag. Und letztlich gilt für die Hatto-Aufnahmen das gleiche wie für jene Bilder, die plötzlich nicht mehr Rembrandt zugeschrieben werden: Deshalb werden sie auch nicht schlechter."