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21.02.2007

Stimmwunder

Stimmwunder

Die Langspielplatte war für viele Künstler ein faszinierendes Medium. Endlich hatte man die Möglichkeit, auf der Länge einer Konzerthälfte ein Programm zu gestalten, das in sich stimmig Schlaglichter auf einen Repertoireausschnitt werfen konnte. Die Beschränkungen der Schellack-Ära gehörten der Vergangenheit an und so entstanden bereits in den Fünfzigern großartige Einspielungen, die die Klassikwelt nicht nur beeindruckten, sondern auch beeinflussten. Dazu gehörten beispielsweise  die Aufnahmen, die der amerikanische Countertenor Russell Oberlin 1959 für die Decca verwirklichte und die die zur Marginalie gewordene Stimmlage wieder einem großen Publikum nahe brachten. Seine "Händel-Arien" sind Schwerpunkt der neuen Archiv-Serie Spotlight, mit der die Deutsche Grammophon und deren Partnerfirmen sich den Klangschätzen in den eigenen Archiv-Tresoren zuwendet.

Russell Oberlin (*1928) stammt aus Akron in Ohio. Seine musikalische Ausbildung führte ihn als jungen Mann an die Juilliard Scholl in New York, von wo aus er 1951 mit einem Diplom in die Welt geschickt wurde. Fasziniert von Alter Musik gehörte er bereits im folgenden Jahr zu den Gründungsmitgliedern einer Gruppe namens New York Pro Musica Antiqua, die sich vor allem mit Renaissance- und Barockrepertoire befasste. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es Oberlin innerhalb dieser Künstlergruppe und darüber hinaus als einer der zentralen Countertenöre wahrgenommen zu werden, die die Szene damals zu bieten hatte. Dazu trugen nicht zuletzt auch Aufnahmen wie die nun im Rahmen von Spotlight als CD veröffentlichten Händel-Arien mit Ausschnitten aus "Rodelinda", "Radamisto", "Israel in Ägypten", "Muzio Scaevola" und dem "Messias" bei, die sich mit damals unüblicher Ernsthaftigkeit dem männlichen Alt- und Sopranfach widmeten. Der Rezensent Joshua Cohen brachte seine Bedeutung für das Magazin International Classical Record Collector retrospektiv auf den Punkt: "Seine Platten sind einzigartig unter der Vielzahl einschlägiger Veröffentlichungen, besonders sensationell ist das Händel-Album, eine Sammlung von Arien, die für Alt-Kastraten oder weiblichen Mezzo-Sopran geschrieben wurden. Es war eine Glanzleistung von Oberlin ... eines der faszinierendsten Zeugnisse stimmlicher Homogenität auf Schallplatte". Und es ist auch deshalb eine Rarität, weil Oberlin sich nach den anfänglichen Erfolgen schnell rar machte. Bereits im Alter von 36 Jahre zog er sich von der Bühne zurück und konzentrierte sich bis zu seiner Emeritierung als Professor am Hunter College in New York auf die Lehre.
 
Russell Oberlins Hommage an Georg Friedrich Händel ist aber nur eines von fünf Gesangsspecials, mit dem sich die Reihe Spotlight den Stimmkoryphäen des vergangenen Musikjahrhunderts zuwendet. In etwa zur gleichen Zeit, als der Countertenor sich vor die Mikrofone begab, nahm auch dessen Koloraturkollegin Rita Streich ein Album für die Deutsche Grammophon auf. Die in Nowosibirsk geborene Sängerin gehörte damals in Deutschland bereits zu den beliebtesten Interpretinnen ihres Fachs und ihr Album mit "Unvergänglichen Melodien" unter anderem von Johann Strauß, Giuseppe Verdi, Antonin Dvorak und Giacomo Meyerbeer wurde eines ihrer erfolgreichsten. Wolfgang Windgassen wiederum galt als einer der führenden Heldentenöre der Nachkriegszeit. In Bayreuth sang er von 1951 an bis 1970 alle großen Tenorpartien vom Tannhäuser über Rienzi, Lohengrin und Siegfried bis hin zum Tristan und dem Parzifal. Die Sammlung "Wolfgang Windgassen singt Wagner" fasst bereits zahlreiche Höhepunkte seines Könnens aus den frühen Jahren seiner Karriere auf einem Album zusammen, die nun für die CD-Edition noch um drei Bonus-Tracks aus den "Meistersingern" ergänzt wurden.
 
Zum den Kulturphänomenen der Nachkriegszeit zählte auch ein starkes Interesse des deutschen Publikums an mehr oder weniger klischeehaften Musikstücken aus Russland, die dem Kalten Krieg eine vermeintlich bessere Vergangenheit gegenüber stellten. Was in den Siebzigern in populären Projekten etwa von Iwan Rebroff gipfelte, hatte illustre Entsprechungen im Opernfach, die sich der ernsthaften aber nicht minder unterhaltsamen Facette der russischen Opern annahmen. Der damals führende Bassbariton dieses Genres Boris Christoff nahm anno 1977 darüber hinaus ein Programm mit "Russian Melodies" auf, die von Volksliedern bis hin zu Zigeunerweisen dem bittersüß moll-fröhlichen Klangerbe Osteuropas nachspürten.

Als letztes Beispiel der Spotlight Reihe rundet schließlich eine besondere Gala von der anderen Seite des Atlantiks die Frühlingsveröffentlichungen ab. Im April 1972 verabschiedete sich der Generalmusikdirektor der Metropolitan Opera Rudolf Bing nach mehr als zwei Jahrzehnten von seinem Amt. Aus diesem Anlass fanden sich von Placido Domingo und Richard Tucker bis Montserrat Caballé und Birgit Nilsson zahlreiche berühmte Sänger und Sängerinnen zu einem Gala-Abend zusammen und feierten den künstlerischen Kopf des Ensembles mit einem exquisiten Programm von Mozart über Verdi bis Richard Strauss. Dieser furiose Abend ist nun auf CD als "Metropolitan Opera Gala" wieder zu erleben, eine Sternstunde der klassischen Vokalkunst.