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14.02.2007

Tiefe, Transparenz

Tiefe, Transparenz

Svjatoslav Richter vermutete, dass Emil Gilels einem unaufmerksamen russischen Arzt zum Opfer gefallen ist, der dem Pianisten bei einer Routineuntersuchung versehentlich eine falsche Spritze verabreichte. Jedenfalls starb der Weltklassemusiker 1985 im Alter von 68 Jahren und hinterließ ein faszinierendes Oeuvre feinsinnig ausgereifter Aufnahmen, die auch nach Jahrzehnten die Musikwelt in den Bann ziehen. Mit vielen seiner Kollegen teilte er allerdings den Vorbehalt gegenüber Kameras, obwohl er auf der anderen Seite die Bühne liebte. Und so gehört die Aufnahme eines Klavierrecitals aus dem Jahre 1971 zu den Raritäten im Katalog, die nun mit Hilfe modernster Studiotechnik sogar in betörendem Surroundsound auf DVD zu genießen ist.

Emil Gilels stammte aus Odessa. Beide Eltern waren Musiker, die Schwester Elisaweta spielte Geige. So wundert es wenig, dass seine Familie schon früh auf die Talente des Knaben aufmerksam wurde. Mit sechs Jahren wurde er auf die städtische Musikschule geschickt, mit zwölf gab er das erste öffentliche Konzert, mit sechzehn war er bereits so gut, dass er einem der besten Pianisten seiner Zeit vorspielen durfte. Artur Rubinstein erinnerte sich später an dieses Privatrecital, das ihm Gilels bot, mit anhaltender Bewunderung: "Schon bei den ersten Takten der 'Appassionata' spürte ich, dass ich es hier mit einem begnadeten Talent zu tun hatte. Ich wollte noch mehr hören, und er spielte das damals noch wenig bekannte 'Jeux d'eau' von Ravel wie ein vollendeter Meister." Hier war ein neuer Stern am Pianistenhimmel aufgetaucht, der jedoch erst mehr als zwei Jahrzehnten später über die Landesgrenzen der Sowjetunion hinaus wirklich leuchten durfte. Zwar gab es einige Intermezzi wie die Ersten Platz beim Klavierwettbewerb in Wien oder auch die Reise nach Belgien anno 1938, als er den Ysaÿe-Wettbewerb gewann. Insgesamt jedoch wurden ihm wenig Möglichkeiten internationaler Karrierestationen geboten, was sich erst änderte, als das Tauwetter der Zeit nach Diktator Stalin die Reisemöglichkeiten russischer Künstler verbesserte.
 
Von da an gehörte Emil Gilels auch in der weltweiten Konkurrenz zur der Elite der Interpreten vor allem klassischen und romantischen Repertoires. Dementsprechend klar konturiert war auch das Konzertprogramm, das er 1971 von den Musikfilmspezialisten der Unitel festhalten ließ. Von Wolfgang Amadeus Mozart standen die "a-moll Sonate, KV 310", die "6 Variationen über Salve Tu, Domine, KV 398" und die berühmte "d-moll Fantasie, KV 397" auf dem Programm, die er übrigens atemberaubend zart und verhalten anging. Ludwig van Beethoven war mit den "Sonaten Nr. 21, c-Dur, op. 53 ("Waldstein")" und "Nr. 28, A-Dur, op.101" vertreten. Das "Nachtstück in F-Dur, op. 23, No.4" von Robert Schumann und das "Spinnerlied, C-Dur, op. 67, No.4" aus Felix Mendelssohns "Liedern ohne Worte" rundeten das Programm albumblatthaft ab. Aufgenommen wurden die Stücke im August 1971 im österreichischen Kärnten in der Stiftskirche von Ossiach im Rahmen des dortigen Sommerfestivals und sie zeigen eine Meister der pianistischen Balance, dessen ernster und zuweilen sorgenvoller Gesichtsausdruck vollkommen dem entgegenstand, was zu hören war. Denn Gilels Interpretationen wirkten leicht und hatten doch Tiefe, sie erschienen transparent und verwiesen zugleich auf etwas Unbegreifliches, das hinter jeder großer Musik steht. Seine Intensität schien ganz aus ihm selbst zu kommen, aus einem rätselhaften Zentrum, das seine Finger über alle physischen Beschränkungen der  Ausdruckskraft hinwegsetzen ließ. Und das macht diese Aufnahmen noch über die optischen Komponente hinaus zu einem Erlebnis. Schließlich ist etwa der dritte Satz von Mozarts a-moll Sonate selten schöner und feiner gespielt worden als an diesen Sommertagen von Emil Gilels.