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31.01.2007

Meisterklasse

Meisterklasse

Frédéric Chopin war gerade 20 Jahre alt, als er im Oktober 1830 das "Klavierkonzert Nr.1 e-moll" in seiner Geburtsstadt Warschau uraufführte. Drei Wochen später verließ er Polen und sollte nie wieder dorthin zurückkehren. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt in seiner Heimat und noch heute spürt man Melancholie auf der einen und Leidenschaft auf der anderen Seite mit jeder Note, die dieses gewaltige Werk ausstrahlt. Im Besonderen, wenn es ein ebenfalls junger Virtuose interpretiert, der in der Lage ist, sich nicht nur technisch, sondern emotional und sympathetisch den Melodien und Motiven zu nähern. Der 24-jährige Yundi Li gehört spätestens, seitdem er im Jahr 2000 mit einem spektakulären ersten Preis den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann, zu den führenden Interpreten der Musik des polnischen Meisters der Romantik. Und so ist es nur konsequent, dass er sich für seine erste Aufnahme mit Orchester eben jenes berühmte Werk auswählt, das einst auch für den Komponisten selbst von zentraler Bedeutung war. Darüber hinaus kombiniert er es mit einem Pendant in Es-Dur von Franz Liszt, das ebenfalls bereits um 1830 in den ersten Zügen ersonnen, aber erst 1855 in Weimar uraufgeführt wurde. Ein Romantik-Doppel voller Pracht und Passion.

Für Yundi Li war das erste Klavierkonzert von Chopin - das eigentlich das zweite ist, aber in der Werkchronologie in anderer Reihenfolge geführt wird - in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Da es in den Jahren seiner Ausbildung in China aus politischen Gründen noch wenig internationale Musik zu hören gab, konnte der Novize es unbeeindruckt von den legendären Interpretationen seiner Vorgänger für sich entdecken: "Ich war ungefähr 16 Jahre alt, als ich das Chopin-Konzert lernte", erinnert der heute bereits als Star der internationalen Konzertsäle geltenden Pianist aus Chongqing. "Damals bereitete ich mich gerade auf den Chopin-Wettbewerb in Warschau vor. Bevor ich das Werk lernte, hatte ich nie eine Aufnahme davon gehört. Ich hatte also keine vorgefasste Meinung, wie es klingen sollte. Seither habe ich mir natürlich unendliche viele Einspielungen angehört! Beim Wettbewerb in Warschau war ich 18, jetzt bin ich 24. Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich das Konzert damals spielte, ich weiß nur, wie ich es 2006 interpretiere! Ich spielte es auch vor drei Jahren bei meinem Amerika-Debüt mit dem Philadelphia Orchestra. Es liegt mir wirklich sehr am Herzen". Auch aus diesem Grund der emotionalen Verbundenheit hat sich Yundi Li Zeit gelassen, um Chopins Chef d'oeuvre in einer Aufnahmesession für die Nachwelt zu archivieren. Sechs Jahre rege Konzerttätigkeit in aller Welt, darüber hinaus vier weitere Recital-Programme auf CD machten ihn seit seinem rasanten Start im Jahr 2000 zu einem gereiften und mit Details und Nuancen der Interpretation bestens vertrauten Virtuosen, der nun mit gutem Gewissen sich den Meisterstücken der Romantik widmen kann.

Dazu gehört auch die passende Kombination mit musikalischen Gegenstücken. Als Franz Liszt seit den 1830ern sein "Klavierkonzert Es-Dur S.124" über zwei Jahrzehnte hinweg mühsam erarbeitete, war ihm klar, dass er damit gegen mehrere Konventionen der epochentypischen Musikgestaltung verstieß. So hat das Werk keine voneinander getrennten Sätze, sondern lässt die einzelnen Teile ineinander übergehen, was wiederum zur Folge hat, dass auch die Motive über die ganze kompositorische Distanz immer wieder aufgenommen und verarbeitet werden. Das hat Liszt den Spott der konservativen Kritik, aber auf lange Sicht die Wertschätzung durch die Musikgeschichte eingebracht. Inzwischen zählt es nicht nur zu seinen bekanntesten Werken, sondern zu einem Schlüsselstück der Romantik überhaupt - und zum Kern von Yundi Lis Konzertrepertoire: "Während ich beide Werke häufig und überall auf der Welt gespielt habe, bin ich an ihnen gewachsen und habe meine eigenen Vorstellungen zu Tempi und Nuancierung entwickelt. Es ist faszinierend, sie jetzt aufnehmen zu können. Die Klavierkonzerte Nr.1 von Liszt und Chopin sind meine Lieblingskonzerte der Romantik und ihre Schöpfer sind zugleich meine Lieblingskomponisten aus dieser Epoche. Zuhörer und Interpreten sind bestimmt meiner Meinung, dass es sich um zwei der größten Klaviergenies des 19.Jahrhunderts handelt".

Die Aufnahmen selbst entstanden im vergangenen Juli im Watford Colosseum von London. Li hatte für diese Produktion mit dem Philharmonia Orchestra unter Andrew Davis ein ausgezeichnetes Ensemble an seiner Seite, das es verstand, seinen Ideen von Ausdruck und Leidenschaft kongenial zu folgen. So ist diese Einspielung ein weiter wichtiger Schritt in der Karriere des chinesischen Pianisten, wenn er auch seine Zukunft inhaltlich noch weitaus offener sieht: "Im Moment bin ich natürlich vor allem als Chopin-Interpret bekannt, weil ich den Warschauer Wettbewerb gewonnen habe. Aber da ich jung bin, liebe ich Energie und Vitalität. Nicht nur bei den Romantikern, sondern auch bei Komponisten wie Prokofjew und Ravel. Ich glaube, meine Persönlichkeit hat zwei Seiten: Die eine ist poetisch, die andere sehr leidenschaftlich. Deshalb ist für mich jetzt der richtige Zeitpunkt, die Konzerte von Liszt und Chopin aufzunehmen".