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03.01.2007

Yundi Li - Stiftung Liszt-Test

Yundi Li - Stiftung Liszt-Test

Yundi Li hat mit den Klavierkonzerten Nr. 1 von Liszt und Chopin seine erste Konzert- aufnahme bei der Deutschen Grammophon eingespielt. "PIANONews"-Chefredakteur Carsten Dürer vergleicht die CD mit seinen persönlichen Referenzaufnahmen.

"Die Klavierkonzerte Nr. 1 von Liszt und Chopin sind meine Lieblingskonzerte aus der Romantik", sagt der 24 Jahre junge chinesische Pianist Yundi Li und spielt mit diesen beiden Werken seine erste Konzertaufnahme auf Deutsche Grammophon ein. Die Konzerte hat er bereits vielfach live gespielt, sich also vorbereitet, doch wie ist diese Einspielung im Vergleich zu meinen ganz persönlichen Referenzeinspielungen zu bewerten? Li spielt berauschend und bestechend scharf, das fällt sogleich auf, doch ist dies der richtige Zugang? "Da ich jung bin, liebe ich die Energie und Vitalität", meint Li. Und es ist richtig, diese Fähigkeiten drückt er tatsächlich in beiden Konzerten aus. In Liszts Klavierkonzert Nr. 1, das in seiner immensen Geschlossenheit und den übergangslosen vier Sätzen einen berauschenden langen Atem vom Pianisten verlangt, weiß er seine Erfahrungen der h-Moll-Sonate, die er faszinierend spielte, einzusetzen.


Bei den Aufnahmen, die ich (momentan, denn es gibt immer wieder diese kleinen Veränderungen in den eigenen Vorlieben) von Liszts Klavierkonzert Nr. 1 am meisten mag, schwanke ich zwischen unterschiedlichen historischen Einspielungen. Da ist zum einen die faszinierende 1967er Liveaufnahme mit John Ogdon und dem Bournemouth Symphony Orchestra unter Constantin Silvestri. Es ist sicherlich - auch aufgrund des Livecharakters - nicht die am saubersten gespielte Aufnahme dieses Konzerts. Aber die Klangqualität, die Ogdon hier produziert, ist wahrlich ein farbiger Bilderbogen der Möglichkeiten auf einem Flügel. Zum einen das prankenhafte Volumen, mit klirrenden Bässen, zum anderen die Feinsinnigkeit der leisen Passagen.

John Ogdon ist der Virtuose im besten Sinne, fasziniert in Tempi und Rubati mit einer unglaublichen Individualität, sieht die Sätze als Einzeldarstellungen, weniger als geschlossene Einheit. Berauschend ist das Ganze, auch wenn Ogdon vielleicht eine der draufgängerischsten Darstellungen leistet. Und dann ist da der ungarische Pianist György Cziffra, der das Konzert 1971 aufnahm (mit dem Orchestre de Paris unter dem Dirigat seines Sohnes György Cziffra Jr.). Er ist all das, was man sich für dieses Konzert von einem Pianisten wünscht: der Lyriker par excellence, der kraftvolle und vollmundige Techniker, der man für dieses Werk schon sein muss. Sein Spiel besticht vor allem durch die wunderbar gesetzten Akzente, die Leichtigkeit der Einwürfe - bei ihm klingt alles natürlich und zeigt, dass Liszt mehr als nur ein virtuoser Spieler war, der mit dieser Art von Kompositionen sein Können darstellen wollte.


Und Yundi Li?
Er ist auf seine Weise großartig, spielt mit jugendlichem Überschwang, nimmt rasante Tempi, besticht durch seine flirrende Technik und Sauberkeit. Aber in den lyrischen Sequenzen reicht er noch nicht an die Klangqualität eines Cziffra heran - aber wie sollte er auch in seinem Alter. Klar- und Offenheit bestimmt sein Spiel. Und Kraft beweist er in jedem Fall, wenn auch nicht so großvolumig wie ein John Ogdon. Und dennoch: Was Yundi Li in diesem Konzert noch ein wenig fehlt, ist der natürliche Atem. Doch für eine erste Konzerteinspielung beweist er hier ein gesundes Maß an Selbstvertrauen, punktgenauen Akzenten und - was vielleicht das Wichtigste ist - liebevoll umgesetztem jugendlichem Esprit, den nur wenige Pianisten in vorangeschrittenem Alter verwirklichen können.

 

Exklusiver zweiter Teil des Artikels bei KlassikAkzente:

 

Und dann Chopins erstes Klavierkonzert. Da fällt die Wahl meiner Lieblingsaufnahme leicht: Krystian Zimermann spielte das Konzert 1999 mit solch einer Nonchalance, wie ich es bis dahin noch nie gehört hatte. Und er weiß im orchestralen Verbund (mit dem eigens zu diesem Projekt zusammengestellten Polnischen Festivalorchester) dennoch die kammermusikalische Intimität, die Leichtigkeit und den Lyrismus so atmend dazustellen wie nur ganz wenige Pianisten. Aber mit seiner unvergleichlichen Klangintensität schafft er ein Konzert, das in jeder Hinsicht berauscht.


Yundi Li geht anders vor, forscher auch im Chopin-Konzert. Dennoch ist seine Interpretation stimmig; er ist weniger an dem Lyriker Chopin interessiert, an dem Klangmagier, denn an dem voller melancholischer Momente orientierten Musiker, der sein gesamtes Leben lang den Schmerz der verlorenen Heimat Polen in sich trug. Und auch der Virtuose Chopin kommt in den klaren Darstellungen Yundi Lis zum Tragen. Vielleicht ist seine Sicht mehr vergleichbar mit der des Maurizio Pollini aus dem Jahre 1960, dem Abschlusskonzert des damaligen Chopin-Wettbewerbs (mit dem Warschauer Philharmonischen Orchester unter Jerzy Katlewicz), für mich eine weitere Referenzeinspielung dieses Konzerts. Pollini nutzt ebenfalls das entromantisierte Bild Chopins, um seine persönliche Sichtweise überzeugend darzustellen. Bei Yundi Li kommt dieses Moment ebenfalls zum Tragen, verbunden allerdings mit dem jugendlichen Drängen, dem Herzenswunsch, dieses Konzert zu spielen. Dies spürt man und das macht seine Interpretation lebendig und spannungsgeladen. Li kann sich hören lassen im Verbund von großen Interpretationen dieser beiden viel eingespielten Konzerte - und vor allem sticht er positiv aus der Masse der zahllosen Einspielungen jüngerer Interpreten hervor - und zeigt damit, dass er sich mehr und mehr zu einem ernst zu nehmenden Künstler entwickelt. Carsten Dürer