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03.01.2007
Claudio Monteverdi

Der doppelte Anfang

Claudio Monteverdi, Der doppelte Anfang

Claudio Monteverdis '"L'Orfeo" revolutionierte gleich zweimal die Musikwelt. Zum einen gilt das vom Komponisten als "Favola in musica" bezeichnete Bühnenwerk als Startpunkt der Gattung Oper schlechthin. Zum anderen führte seine Wiederentdeckung am Züricher Operhaus in den Siebzigern nicht nur zur Anerkennung der historischen Aufführungspraxis als adäquate Umsetzung von Oeuvres früherer Epochen, sondern auch zu einem Boom der Inszenierung barocker Schauspiele schlechthin. Nun ist diese außergewöhnliche Produktion endlich auf DVD erhältlich und präsentiert einen Meilenstein der musikalischen Rezeptionsgeschichte im optisch und akustisch opulenten Klanggewand

Monteverdi war unzufrieden. Seit dem Jahr 1602 war er in Mantua als Hofkapellmeister in Diensten, zuvor hatte er auf einer Reise durch Flandern den französischen Gesangsstil kennen gelernt und ihn daraufhin mit der Kunst der in seiner italienischen Heimat üblichen Madrigalgestaltung verglichen. Dabei war ihm ein zentraler Unterschied aufgefallen, der vor allem in der Bedeutung der Worte im Vergleich zur Musik bestand. Denn die italienische Schule hatte es auf dem Gebiet der klanglichen Ausformung zu einer derartigen Perfektion gebracht, dass der Inhalt der Texte weitgehend in den Hintergrund getreten war. Für Monteverdi war das ein künstlerisches Missverhältnis, das er mit den Mitteln der Komposition ausgleichen wollte. Im Vorwort zu eine "Scherzi musicali" (1607) formulierte er daher einen neuen Grundsatz der musikalischen Gestaltung, der den bisherigen strengen Regelwerken des Madrigals eine "Seconda practica" gegenüber stellte, in der die Vollkommenheit der Melodie in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das bedeutete aber, dass der Text als deren wesentlicher Bestandteil zum Herrscher über den Tonsatz wurde. Als Beispiel dafür präsentierte Monteverdi am 24. Februar 1607 in Mantua seine "Favola in musica" mit dem Titel "L'Orfeo", deren Handlung im mythologisch bildlichen Sinne seine Vorstellungen verdeutlichte. Denn in dieser Sage gelang es Orpheus kraft seines Gesangs sowohl den Fährmann ins Totenreich als auch dessen Herrscher dazu zu bewegen, die verstorbene Frau zumindest für Momente wieder freizugeben. Zwar gelingt ihm das nicht dauerhaft, in den Olymp des Apollo wird er aber trotzdem aufgenommen, auch das wegen seiner Lieder und seines betörenden Spiels.

Monteverdi hatte für dieses Bühnenspiel einige Regeln hinter sich gelassen. Er setzte der Polyphonie der Renaissance die Kraft des Sologesangs, die so genannte Monodie, entgegen. Die Handlung des "L'Orfeo" wurde über die Rezitative transportiert, arienhafte Elemente sorgten für die Emotionen, die Figuren hatten eine klare eigene Identität und eine Historie. Die Singstimmen waren klar und lebendig geführt, Ensemble und Chor dramatisch akzentuiert, eindringliche Monologe sorgten für weitere Transparenz des Geschehens. Mit einem derart außergewöhnlichen Konzept markierte der "L'Orfeo" den Beginn einer neuen Bühnengattung, die daraufhin unter dem Signum "Oper" zu einer der wesentlichen hochkulturellen Gestaltungsformen werden sollte. Allerdings wurde das Werk im Laufe der Jahrhunderte von zahlreichen Meisterwerken überstrahlt, so dass es zusammen mit der Barockoper überhaupt in den Hintergrund der Spielpläne geriet. So war es durchaus gewagt, als der Intendant des Züricher Opernhauses Claus Helmut Drese Mitte der 1970er Jahre einem Team von Kreativen den Auftrag gab, den "'L'Orfeo" für sein Stadttheater nach den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis zu inszenieren. Allerdings hatte er auch außergewöhnliche Künstler am Start: Nikolaus Harnoncourt kümmerte sich um die musikalische Umsetzung mit dem frisch gegründeten Monteverdi-Ensemble, Jean-Pierre Ponnelle um Regie und Bühnenbild, Pet Halmen um die Kostüme. Darüber hinaus standen mit Philippe Huttenlocher und Dietlinde Turban neben anderen hervorragenden Solisten ein ausgezeichnetes Orpheus und Euridice-Paar zur Verfügung. So passierte, was man erhoffte, aber nicht vorhersehen konnte. Der "L'Orfeo" wurde zu einem gewaltigen Erfolg. Er etablierte nicht nur das Züricher Opernhaus in der ersten Liga der internationalen Bühnen, sondern fokussierte das Interesse einer breiten Musiköffentlichkeit sowohl auf die Möglichkeiten der historisch geprägten Spielweise als auch auf die Reize der Barockoper. So ist die Veröffentlichung dieser wegweisenden Inszenierung im faszinierend plastischen 5.1 Surround-Sound (wahlweise PCM Stereo) und mit vorbildlicher Kameraführung der Unitel-Profis ein zentrales Dokument der Aufführungsgeschichte des 20. Jahrhunderts und gehört in jede gute Opern-Sammlung.