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06.12.2006
Wolfgang Amadeus Mozart

Die Grenzen der Liebe

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Grenzen der Liebe

Nicht alles ist so leicht verdaulich wie die "Zauberflöte". Vielleicht war auch das ein Grund, weshalb die operae seriae, die Mozart bereits in jungen Jahren verfasste, lange Zeit als zweitrangig innerhalb seines musikalischen Schaffens galten. Zwar hat sich seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Einschätzung langsam verändert und Werke wie der "Idomeneo" oder "Mitridate - Re di Ponto" fanden Eingang in die internationalen Spielpläne. Trotzdem gehören die Mozarts frühe Bühnenstücke, ähnlich wie die Fragment gebliebene "Zaide" Ausnahmeerscheinungen des Musiktheaters. Umso mehr reizen sie Regisseure, sich mit ihnen auseinander zu setzten. Und ungewöhnliche Inszenierungen wie im Rahmen der "M 22"-Reihe in Salzburg zu wagen.

Im Jahr 1770 wurde der gerade 14jährige Wolfgang Amadeus Mozart von Mailand beauftragt, eine ernste opera seria zu schreiben und er erfüllte die Verpflichtung mit "Mitridate", das damals mit großen Erfolg auf der norditalienischen Bühne gefeiert wurde. Es war eine Geschichte aus dem Leben des pontischen Herrschers Mithridates VI, eines Widersachers der Römer, der in diesem Fall das Pech hatte, sich in die gleiche Frau zu verlieben wie seine beiden Söhne Sifare und Farnace, was wiederum Mozart in den Mittelpunkt des Geschehens rückte. Für den Regisseur Günter Krämer war das jedoch nur eine Ebene, die er mit seiner in Zusammenarbeit mit dem Musikfest Bremen in Salzburg gezeigten  Inszenierung vorführen wollte. Weitaus mehr noch interessierte ihn das psychische Innenleben der Figuren, die zwischen Emotionen, Ansprüchen und Loyalitäten hin und her gerissen sind. Denn Mitridates Söhne lieben zwar beide die gleiche Frau wie ihr Vater und stehen beide vor der Frage, ob sie mit Hilfe von Verrat an die römischen Feinde ihr persönliches Schäfchen ins Trockene bringen können. Letztendlich aber siegt die schnöde Realität in Gestalt der militärischen Übermacht, die zum einen den zwischen Eifersucht und Herrscherpflicht schwankenden Regenten in den Selbstmord treibt, zum anderen schließlich zum geeinten Widerstand gegen die Usurpatoren führt. Aufgeführt im Residenzhof mit einem famosen Richard Croft (Mitridate), der brillanten Netta Or (Aspasia) und den ebenso ausgezeichneten Söhnen Miah Persson (Sifare) und Bejun Mehta (Farnace) war eine bewegende Vorstellung zu erleben, die nun im Surround-Format der "M 22"-DVD nicht zuletzt durch die musikalische Kompetenz von Marc Minkowski und Les Musiciens du Louvre - Grenoble einen zeitlos   mitreißenden Schliff erhalten hat.
 
Wirklich ernst hingegen wird es in "Zaide - Adama". Mozarts unvollendetes Singspiel, das er rund zwei Jahre vor der "Entführung aus dem Serail" als eine Art Studie komponiert hatte, wurde für die Salzburger Festspiele von der israelischen Komponistin Chaya Czernowin weitergeführt und ergänzt. Zwar blieb der ursprüngliche Notentext erhalten, er wurde jedoch um zwei Drittel erweitert und inhaltlich radikalisiert. Schon Mozarts Vorlage war alles andere als versöhnlich. Die Haremssklavin Zaide verliebt sich in den Christen Gomatz und der gehörnte Sultan Soliman verurteilt daraufhin beide zum Tode. Auf der zusätzlichen Ebene "Adama" parallelisiert Czernowin nun dieses Geschehen mit dem um eine israelische Frau und einen palästinensischen Mann, die vergleichbar den Mozartschen Vorbildern an den Gegebenheiten scheitern. Das Ganze in Zusammenarbeit mit dem Theater Basel von Regisseur Claus Guth situiert in einem überdimensionalen Verhörraum, mit Bildprojektionen überzogen und einem zweiten Orchester auf der Bühne für die zusätzliche Musik ergab ein bedrückendes Szenario als Parabel auf den Clash der Kulturen, das nicht nur die Menschen im Saal in Atem hielt, sondern auch in der DVD-Fassung mit immensen zwischenmenschlichen Energien arbeitet. Das liegt zum einen an den hervorragenden Solisten Mojca Erdmann (Zaide), Topi lehtipuu (Gomatz), Noa Frenkel (Frau) und Yaron Windmüller (Mann), sondern auch an dem Orchester des Mozarteums unter der Leitung von Ivor Bolton, dem Österreichischen Ensemble für Neue Musik, geleitet von Johannes Kalitzke und den Baseler Madrigalisten, die für den komplexen akustischen Rahmen gesorgt haben. "Zaide - Adama" ist daher ein Experiment und eine der gewagtesten Interpretationen im Rahmen der umfangreichen "M 22"-Reihe, aber auch eine, die mit ihrer künstlerischen Kraft Spuren in der Erinnerung der Menschen hinterlässt.