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22.11.2006
Wolfgang Amadeus Mozart

Lakai oder Künstler

Wolfgang Amadeus Mozart, Lakai oder Künstler

Der junge Mozart war noch auf die Einflüsterungen seiner Umwelt angewiesen. Vor allem aber brauchte er Arbeit und so kam es zu verschiedenen, aus heutiger Sicht inhaltlich eher beliebigen Opern, die jedoch den Zweck einer Huldigung oder einer taktischen Maßnahme zugunsten der eigenen Auftragslage erfüllten. Für Regisseure von heute sind solche Werke eine besondere Herausforderung. Denn es ist nahezu unmöglich, Opern wie "Il Sogno di Scipione", "Lucio Silla" oder die Fragmente "Lo Sposo Deluso" und "L'Oca del Cairo" eins zu eins nach den historischen Vorlagen zu inszenieren, ohne das Publikum zu langweilen. Daher machten sich Querdenken wie Jürgen Flimm, Michael Sturminger und Joachim Schlömer ans Werk, um für die Reihe "M 22" der Salzburger Festspiele 2006, die im Jubiläumsjahr das komplette Bühnenwerk Mozarts auf die Beine stellte, die Originale zeitgemäß aufzufrischen.

Zuweilen hatte Mozart auch Pech. Als 1771 das 50jährige Priesterjubiläum des Fürsterzbischofs Siegmund Graft Schrattenbach in Salzburg auf dem Plan stand, machte sich der Teenager ans Werk und schieb ihm im Sommer des Jahres den Einakter "Il Sogno di Scipione". Doch seine Exzellenz starb vor den Feierlichkeiten und so musste der Knabe sein Werk auf dessen Nachfolger ummünzen, was er auch machte, indem er die abschließende Herrscherhuldigung dem neuen Machthaber zugedachte. Das Stück wurde allerdings kein Erfolg und das kann nicht nur an den widrigen Umständen des Auftrags, sondern auch an dem etwas verstaubten Libretto aus der Feder des Opernmoguls Pietro Metastasio gelegen haben. Es stammte bereits aus dem Jahr 1735 und stellte unter deutlicher Verklärung der tatsächlichen historischen Ereignisse den römischen Feldherrn Scipio den Jüngeren dar, der in dem Werk vom legionärshaften Schlächter zum geläuterten Herrscher mutiert. Dieser Scipio entscheidet sich im Traum gegen die Göttin des Glücks für deren Rivalin der Beständigkeit und wird in der Schusssequenz auf die aufgeklärte Realität des 18.Jahrhunderts bezogen. Michael Sturminger nun transferriert diese Auseinandersetzungen von der Antike in ein Grandhotel der heutigen Zeit und inszeniert das moralische Spiel als Familiengeschichte, in deren Entwicklung Scipione zwangsläufig zu Constanza findet. In Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt entstand auf diese Weise eine ungewöhnliche Interpretation im Regietheatergewand mit Blagoj Nacoski in der Titelrolle, die nun in der "M 22" Reihe erstmals auf DVD im 5.1 Surround-Sound erhältlich ist.
 
Noch deutlicher geht Jürgen Flimm mit Mozarts Vorlage ins Gericht. Auch diesmal handelte es sich um ein Werk, das der Komponist mit Blick auf seine Zukunft geschrieben hatte. Inzwischen 16 Jahre alt und der Wunderkindphase entwachsen, versuchte er einen Fuß in die Tür des italienischen Opernbusiness' zu bekommen. "Lucio Silla" entstand 1773 für die Mailänder Karnevalssaison und sollte als klassische opera seria das anspruchsvolle Stadtpublikum unterhalten. Der Plot handelte von dem römischen Despoten Lucius Cornelius Sulla, der unter Mozarts Ägide sich vom Saulus in einen Paulus verwandelt und aus eigener Einsicht das umstürzlerische Pärchen Cecilio und Giunia begnadigt. Flimm war diese wohlmeinend humanistische Aufklärungsthematik zu kandiert und deshalb deutete er die Oper kurzerhand um. In seinem "Lucio Silla" erfährt der Tyrann keine Läuterung, sondern entscheidet sich nur mit dem Dolch an der Brust für die menschliche Geste. Außerdem erfährt auch er keine Gnade, sondern wird am Schluss ermordet zugunsten des hoffentlich humaneren Cinna. Das ganze Geschehen spielt sich auf der großen Bühne der Felsenreitschule ab, in finsterem Ambiente gehalten und von Anfang an darauf angelegt, dem Herrscher keinen Ausweg zu lassen. Dafür wäre Flimm zu Zeiten Mozarts aller Wahrscheinlichkeit nach im Kerker gelandet. Die Salzburger des Jahres 2006 jedoch feierten diese in Zusammenarbeit mit dem Teatro La Fenice in Venedig entstandene und nun als "M 22"-Doppel-DVD in perfektem Bild- und Klanggewand vorliegende Produktion mit anhaltendem Applaus.
 
Das Thema der Abhängigkeit steht auch im Mittelpunkt der von Joachim Schlömer inszenierten Trilogie "Irrfahrten". Während deren erster Teil mit der Jugendkomödie "La Finta Semplice" noch vergleichsweise moderat mit der Vorlage umgeht, werden in Teil zwei und drei essentielle, existentielle Fragen gestellt. "Abendempfindung" ist aus verschiedenen einzelnen Stücke zusammengesetzt, aus so genannten "Kuckucksarien" (Intermezzi für Sänger in Opern anderer Komponisten) und einzelnen Liedern und Texten etwa aus den Briefen. Der Mensch erscheint in drei Zuständen, als Sängerin, Schauspielerin und Tänzer und bewegt sich inhaltlich auf einen Punkt zu, an dem sich der Künstler fragt, warum er eigentlich sich zum Lakaien seiner Auftraggeber macht. Teil drei der "Irrfahrten" trägt den Titel "Rex Tremendus", kombiniert einzelne Szenen aus den Opernfragmenten "Lo Sposo Deluso" und "L'Oca del Cairo" mit Auszügen aus späteren Werken bis hin zum "Requiem" zu einer locker geklammerten musikalischen Assoziationsreihe, die die inneren Auseinandersetzungen des späten Künstlers verdeutlichen soll. So ist Schlömers Trilogie ein echtes und anspruchsvolles Schmuckstück der "M 22"-Reihe, das sich nun in Form einer Doppel-DVD-Premiere dem Jubilar auf philosophische, introspektive Weise nähert.