Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

01.11.2006
Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart 22 - Flirt im Gartencenter

Wolfgang Amadeus Mozart, Mozart 22 - Flirt im Gartencenter

Peter Ruzicka verabschiedete sich mit einem Paukenschlag. Zum Abschluss seiner Intendanz der Salzburger Festspiele, die er seit 2001 leitete, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, im Jubiläumsjahr alle Opern von Wolfgang Amadeus Mozart innerhalb einer Spielzeit aufzuführen. Das Projekt nannte sich "Mozart 22", wurde von den Teams der Unitel in technisch höchster Bild- und Tonqualität für die Nachwelt festgehalten und kann nun als exklusive DVD-Edition zunächst in Einzeltiteln, dann auch in einer Box-Edition erscheinen. Den Anfang der Serie machen drei gefeierte Produktionen sehr unterschiedlicher Umsetzung: Zum einen die bunte Inszenierung von "La Finta Giardiniera" durch die vom Film bekannte Regisseurin Doris Dörrie, außerdem die raffinierte ineinander verwobene Kombination von "Der Schauspieldirektor" und "Bastien und Bastienne", schließlich das Theater im Theater-Spiel von "Il Re Pastore".

Für Dorris Dörrie war klar, dass etwas passieren musste. Denn eins zu eins konnte eine noch ins Spätbarock verweisende Liebeständelei wie "La Finta Giardiniera" nicht in die Jetztzeit übertragen werden. Schließlich würde sich ein Zuschauer von heute bei allzu viel Puderquaste und Perückenpracht trotz Mozarts wundervoller Musik nur langweilen. Weitgehende Abstraktion wiederum bekäme jedoch der Stringenz der eh schon verworrenen Handlung nicht wirklich. Also entschloss sie sich für Humor und kombinierte das Anachronistische mit dem Alltäglichen, wohl wissend, dass sie damit manch skurrilen Effekt provozieren würde. Aus den Gärten des Barocks wurde ein Gartencenter, aus dem Idyll der Vergangenheit ein Bonsai-Paradies der Gegenwart. Dörrie verzichtet jedoch nicht vollständig auf die historischen Andeutungen, sondern kontrastiert geschickt die manierierten Kostüme des traditionellen Opernverständnis mit den Anzug-Klischees des modernen Regietheaters, um aus der Quersumme eine amüsante Komödie zu entwickeln. Und tatsächlich, die Rechnung geht auf. "La Finta Giardiniera", von Mozart 1775 im Eiltempo für den Münchner Karneval geschrieben, verändert sich vom verwirrenden Liebesstück in ein kurzweiliges Bühnenspektakel, das sowohl das Publikum der Premiere im Januar 2006 am Salzburger Landestheater, als auch die gestrengen Besucher der Festspiele mitzureißen verstand. Dazu trug nicht nur die Inszenierung, sondern auch das ausgezeichnete Ensemble mit Alexandra Reinprecht (Marchesa), Véronique Gens (Arminda), John Graham-Hall (Don Anchise), John Mark Ainsely (Belfiore) und das Mozarteum Orchester Salzburg unter der Leitung von Ivor Bolton bei.
 
Einen wirklich charmanten Einfall hatte auch Thomas Reichert für zwei kurze Werke aus Mozarts Feder. Er kombinierte einfach die Einakter "Der Schauspieldirektor" und "Bastien und Bastienne", indem er sie inhaltlich miteinander verknüpfte. Geht es in dem ersten Stück um das leidige Casting, bevor eine Produktion beginnt, handelt das zweite im Schäfermillieu von naiver bis geläuterter Liebe. Reichert verbindet nun die Bewerbungsgespräche mit den Rollen des Idyllenspiels und so klammert der "Schauspieldirektor" quasi den Rest des Geschehens. Eine zusätzliche Ebene schließlich fügt er ein, indem er die Handlung von Marionetten in Kombination mit Schauspielern ausführen lässt. Das hat eine immense Ausstrahlung und hilft, aus den im Vergleich zu den berühmten Opern eher beiläufigen Werken des Komponisten eine in jeder Hinsicht überraschende und reizvolle Aufführung zu machen.

Der dritte Teil der ersten DVDs der "M22"-Reihe schließlich wird von Thomas Hengelbrock bestritten. Die Vorlage zu Mozarts "Il Re Pastore" stammte aus dem Jahre 1750/1 und war erstmals 1751 in der gleichnamigen Oper des Hofkomponisten Giuseppe Bonno in Schönbrunn uraufgeführt worden. Seitdem wurde die Thematik mehrfach wieder aufgenommen, von München bis Venedig und Koryphäen wie Christoph Willibald Gluck oder Pietro Allessandro Guglielmi. Als der 19jährige Mozart von seinem Salzburger Dienstherrn, Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo, den Auftrag erhielt, eine Serenade, also eine Oper weitgehend ohne szenisches Geschehen zu Ehren des Erzherzogs Maximilian Franz zu komponieren, der während einer Reise nach Italien in Salzburg Station zu machen gedachte, konnte er davon ausgehen, das Stoff und Libretto - Schäfer ist Königssohn, stellt die Liebe entgegen der Staatsraison über die Pflichten, wird aber letztendlich als tugendhafter, treuer Mensch zum natürlichen, damit idealen Regenten - weitgehend bekannt waren. Hengelbrock nun entledigt "Il Re Pastore" zugunsten der Verständlichkeit des pompösen Prunks und verlegt das Geschehen in einen Zwischenraum zwischen Probenexperiment und historischen Andeutungen. Changierend zwischen einer Innen- und Außenperspektive der Bühne, mit klaren Kostümen und minimalsten Requisiten gelingt ihm gemeinsam mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble und den Solisten Annette Dasch (Aminta), Marlis Petersen (Elisa), Arpiné Rahdjian (Tamiri), Kresimir Spicer (Allesandro) und Andreas Karasiak (Agenore) eine rasante Auffrischung des Originals, die den moralisierenden Plot mühelos in die heutige Zeit überträgt.

Weitere Informationen zu allen Aufnahmen der Mozart 22 DVD Kollektion finden Sie hier.