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01.11.2006

Musik statt Mythos

Musik statt Mythos

Es gehört zu den Denkwürdigkeiten der Musikgeschichte, dass ausgerechnet ein ernstes Werk wie das "Requiem" zu den beliebtesten und am häufigsten gespielten großen Kompositionen Wolfgang Amadeus Mozarts zählt. Einen Grund dafür bildet die mythenumwobene Entstehungsgeschichte, ein anderer jedoch liegt in der ergreifenden Unmittelbarkeit des Stückes, zumindest der Teile, die noch vom Meister selbst geschrieben wurden. So hat sich auch Christian Thielemann im vergangenen Frühjahr des Opus' angenommen und der Interpretationsgeschichte eine konzentrierte und faszinierende Version hinzugefügt.

Die Geschichte ist inzwischen häufig erzählt worden. Nur zur Erinnerung: Der mysteriöse maskierte Mann, der eines Tage bei Mozart in der Tür stand und ihm gegen großzügiges Honorar ein Requiem in Auftrag gab, war ein Bediensteter des Grafen Walsegg. Das Versteckspiel war inszeniert worden, weil seine Hochwohlgeboren beabsichtigte, das Werk Mozarts bei der Totenmesse für seine jung verstorbene Ehe-Frau als sein eigenes Opus auszugeben. Aus der Schwindelei wurde nichts, denn der Komponist starb vor Beendigung der Arbeit (auch wenn Walsegg das Werk am 14.Dezember 1793 schließlich doch unter seinem Namen spielen ließ, obwohl es bereits zu Beginn des Jahres in einem Benefizkonzert für Constanze und deren Söhne uraufgeführt wurde). Das "Requiem" hatte sich zu Mozarts eigenem Nachruf entwickelt. Erschöpft von der Akkordarbeit des Sommers und vom Gelenkrheumatismus geplagt, fand sich der verarmte Komponist im Spätherbst 1791 auf dem Krankenlager wieder. Er war noch in der Lage, die Gesangsstimmen und den bezifferten Bass bis zum Ende des "Hostias" (mit Ausnahme des "Lacrimosa" nach Takt acht) zu notieren, außerdem die Orchestrierung des "Introitus", die erste Violinenstimme des "Dies Irae" und "Rex tremendae" und einige einzelne Details. Um den Rest kümmerten sich im Auftrag Constanze, die das Honorar des Werks brauchte, zunächst Joseph Eybler, ein befreundeter Komponist, der aber an dem Vorhaben scheiterte. Daraufhin orchestrierte Maximilian Stadler das "Requiem" als zweisätziges "Offertorium", blieb aber ebenfalls in der Arbeit stecken.

Erst Franz Xaver Süßmayr, einem Freund der Familie und gelegentlichen Assistenten Mozarts (und Constanzes), gelang es, das Opus zu einem, wenn auch inzwischen umstrittenen Abschluss zu bringen. Der Musikwissenschaftler Christoph Wolff merkte bereits 1991 in seinem Standardwerk "Mozart Requiem: Geschichte - Musik - Dokumente" dazu an: "Und einzig diese Partitur vertritt und beschließt in sich die ureigene musikalische Wahrheit des unvollendeten Werkes. In dem oftmals groben Gegenüber und dem brüchigen Miteinander von Fertigem und Unfertigem zieht sie uns gleichsam magisch hinein in die Situation um die Jahreswende 17791/92: in eine bedrückende Atmosphäre, in der man im engsten Mozart-Kreis angesichts des unfertigen Requiems und darüber hinaus mit einem überwältigenden musikalische Vermächtnis fertig werden musste - in den deutlichen Bewusstsein, dies nicht eigentlich zu können". Ein Dirigent wie Christian Thielemann nun hat durch die Erfahrungen mit Mozart während seiner Kapellmeisterjahre, aber auch mit Wagner und Richard Strauss einen umfassenden Hintergrund an Interpretationsvariablen, die er für das "Requiem" heranziehen kann. Er wählt den Mittelweg zwischen Individualität und historischen Erkenntnissen, vermeidet übertriebenes Pathos, lässt aber auch die Kraft der vielstimmigen Opulenz wirken. Aufgenommen im Februar 2006 in der Münchner Philharmonie zusammen mit den Münchner Philharmonikern, dem Chor des Bayerischen Rundfunks und den Solisten Sibylla Rubens (Sopran), Lioba Braun (Mezzo-Sopran), Steve Davislim (Tenor) und Georg Zeppenfeld (Bass) entstand auf diese Weise ein "Requiem", das ohne Übertreibungen auskommt und gerade deshalb durch Klarheit brilliert.