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25.10.2006

Charmeur mit Bravour

Charmeur mit Bravour

Schon der junge Emil Gilels verblüffte durch seine Fähigkeit, den Klang eines Instrumentes völlig verändern zu können, je nachdem, welchem Komponisten er sich gerade widmete. Er verstand es, sich in die Musik einzufühlen, ohne dadurch sentimental zu werden. Das verhalf ihm zu einem Maß an Klarheit, die allem, was er spielte, eine besondere Luzidität verlieh. Im Oktober wäre der bereits 1985 verstorbene Gilels 90 Jahre alt geworden. Die Deutsche Grammophon nimmt dieses Datum zum Anlass, einige seltene ebenso wie einige berühmte Aufnahmen des Meisters der Ausgewogenheit in drei CD-Sammlungen zu veröffentlichen.

Emil Gilels stammte aus Odessa. Beide Eltern waren Musiker, die Schwester Elisaweta spielte Geige. So wundert es wenig, dass seine Familie schon früh auf die Talente des Knaben aufmerksam wurde. Mit sechs Jahren wurde er auf die städtische Musikschule geschickt, mit zwölf gab er das erste öffentliche Konzert, mit sechzehn war er bereits so gut, dass er einem der besten Pianisten seiner Zeit vorspielen durfte. Artur Rubinstein erinnerte sich später an dieses Privatrecital, das ihm Gilels bot, mit anhaltender Bewunderung: "Schon bei den ersten Takten der 'Appassionata' spürte ich, dass ich es hier mit einem begnadeten Talent zu tun hatte. Ich wollte noch mehr hören, und er spielte das damals noch wenig bekannte 'Jeux d'eau' von Ravel wie ein vollendeter Meister." Hier war ein neuer Stern am Pianistenhimmel aufgetaucht, der jedoch erst mehr als zwei Jahrzehnten später über die Landesgrenzen der Sowjetunion hinaus wirklich leuchten durfte. Zwar gab es einige Intermezzi wie die Ersten Platz beim Klavierwettbewerb in Wien oder auch die Reise nach Belgien anno 1938, als er den Ysaÿe-Wettbewerb gewann. Insgesamt jedoch wurden ihm wenig Möglichkeiten internationaler Karrierestationen geboten. Welches Feuer und welche Energie der junge Gilels bereits an den Tag legen konnte, belegen nun die raren, in Moskau entstandene "Early Recordings" aus den Jahren 1935-1955. Es sind grandiose Musikdokumente eines ungestümen Genius, der etwa Robert Schumanns "Toccata op. 7" mit einer Verve präsentiert, die selbst manche Unsauberkeit völlig nebensächlich werden lässt.

Als Emil Gilels wiederum die Mozart- und Beethoven-Aufnahmen für die Deutsche Grammophon verwirklichte, war er bereits ein rundum auch im Westen arrivierter Künstler. "Zu Gilels' Charme, seiner Vitalität, Gesundheit und seiner Pranke ist noch eine intellektuelle Überlegenheit, eine motorische und dramatische Modernität gekommen, die ihn wohl doch zum ersten Pianisten Russlands macht", bemerkte der Kritiker Joachim Kaiser in seinem Überblickswerk "Große Pianisten in unserer Zeit" und brachte damit sowohl die Bewunderung, als auch die Skepsis dem Künstler gegenüber zu Ausdruck, die er mit manchen Zeitgenossen teilte. Denn Gilels hatte seine ausgeprägt individuellen Verstellung von der Interpretation der Werke der beiden Eckpfeiler den klassischen Klavierkunst. Mozart nahm er ernst, spielte ihn ohne die noch in den Sechzigern üblichen Tändeleien mit der leichten Muse, wenn er auch auf der anderen Seite mit Karl Böhm einen Mozart-Bewunderer ans Pult ließ, der gerade die Feinheiten des elegant Emotionalen herauszuarbeiten verstand. Noch einmal Joachim Kaiser: "Bereits Gilels Mozart enthält ... die unnachahmliche, typische Grundspannung aller Gilels-Interpretationen: den Gegensatz zwischen einem lächelnden, charmanten, innigen und persönlichen pianistischen Augenaufschlag einerseits und prasselnder Bravour andererseits". Das gilt für Mozart, wie auch für die Einspielung der Beethoven-Sonaten, die in zwei weiteren Boxen zu Ehren des Pianisten erschienen sind. So sind sowohl "The Mozart Recordings" (2 CDs) als auch die "Beethoven Sonatas" (9 CDs) Wunderwerke der interpretatorischen Brillanz, die einen zu früh verstorbenen Pianisten in Erinnerung rufen, von dem man gerne noch mehr Stellungnahmen zu den Monumenten der Klangkultur gehört hätte.