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25.10.2006
Esa-Pekka Salonen

Vom Skandal zum Standard

Esa-Pekka Salonen, Vom Skandal zum Standard

Am 29. Mai 1913 war im Pariser Théâtre des Champs-Élysées nicht klar, ob die laufende Uraufführung auch tatsächlich bis zu Ende gespielt werden konnte. Immer wieder unterbrachen Zwischenrufe und Pfiffe das Programm, man fürchtete sogar Ausschreitungen des erlauchten Premieren-Publikums. Grund der Aufregung war "Le Sacre du Printemps", ein Ballett des jungen Igor Stravinsky, dessen harsche Musik und heidnische Thematik von den Zeitgenossen als Provokation empfunden wurde. Heute weiß man, dass hier eines der Grundlagenstücke der musikalischen Moderne präsentiert wurde, dessen Kraft auch einen Dirigenten vom Schlage Esa-Pekka Salonens herausfordert.

Bemerkenswert ist noch eine weitere Geschichte, die sich um das umstritten Werk rankt. Anno 1938 fand Igor Stravinsky Post von den Walt Disney Studios in seinem Briefkasten. Darin wurde er um die Erlaubnis gebeten, den "Sacre du Printemps" als Musik für den aufwändigen Zeichentrickfilm "Fantasia" verwenden zu dürfen, ein didaktisches Renommierprojekt des Entertainment-Konzerns, der damit auf der einen Seite das Medium des Cartoons auf eine künstlerische Ebene heben, andererseits seinem Publikum einige Grundlagenwerke der Musikgeschichte nahebringen wollte. Die Anfrage war einen reine Formsache, denn Werke russischer Komponisten waren damals durch amerikanisches Urheberrecht nicht geschützt, konnten also freimütig verwendet werden. Stravinsky sagte ab, die Disney Studios gaben sich unbeeindruckt und verwendete die Ballettsuite in einer um ein Drittel gekürzten Version. Der Komponist kochte vor Wut, überzog die Ignoranten mit Beschimpfungen, musste allerdings feststellen, dass die Popularität des Filmes wiederum der Anerkennung seiner eigenen Person zugute kam. Der Weg des "Sacre" in den Kanon war vorbereitet, die  Würdigung des Werkes nahm zu. Spätestens von dem Zeitpunkt an, als die Ausdruckstänzerin Mary Wigman 1957 bei den Berliner Festwochen die bisherigen, am heidnisch orgiastischen Inhalt orientierten Inszenierungen von Vaclav Nijinski und den Ballets Russes zugunsten einer freieren Interpretation öffnete, wird es als ein Eckpunkt und Katalysator der musikalischen Moderne angesehen.

Tatsächlich ist die Energie beeindruckend, die sich aus den Partituren Stravinskys herleiten lässt. Für den finnischen Dirigenten Esa-Pekka Salonen war es daher klar, dass er sich eines Tages dem "Sacre du Printemps" mit einer Aufnahme widmen würden. Da er nun als Leiter der Los Angeles Philharmonic 2003 nicht nur die neue Walt Disney Hall in der Stadt eröffnet hat, sondern natürlich um die skurrile Vorgeschichte des Verhältnisses von Komponist und Filmstudio weiß, reizte es ihn, sich im vergangenen Winter in genau dieser Halle dem folgenreichen Opus zu widmen. Um das Programm abzurunden, ergänzte er Stravinskys Ballettsuite durch zwei weitere Kompositionen europäischer Zeitgenossen, sich mit dem "Sacre" sinnvoll verknüpfen ließen. Zum einen nahm er sich Modest Mussorgskys erstem und einzigen Ton-Poem "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" an, in der Originalversion des Komponisten, nicht der üblicherweise verwendeten Bearbeitung durch Nikolai Rimski-Korsakow. Als drittes Stück schließlich fügte er noch Béla Bartóks "Der wunderbare Mandarin" in der Konzertfassung hinzu, auch das ein Werk, das bei seiner Uraufführung 1926 in Köln es schwer hatte, sich gegen die Störungen des empörten Publikums durchzusetzen (Konrad Adenauer beispielsweise, damals Bürgermeister der Stadt, forderte die sofortige Absetzung des "Mandarins"). Salonen jedenfalls versteht alle drei Werke von ihrer vitalen Seite und gibt ihnen Tempo, Dynamik, Wucht. Diese beeindruckende Dimension wird besonders deutlich, da die Techniker der Deutschen Grammophon die Aufnahmen in Fünfkanal-Surround-Sound verwirklicht haben (wahlweise Stereo), die über das Medium der SACD in faszinierender Brillanz und Präsenz wiedergegeben werden. So kann man sich berauschen lassen von der Energie und Unmittelbarkeit dieser Werke und ein wenig schmunzeln über die aus heutiger Sicht überflüssige Aufregung, die Stravinskys und Bartóks Klangideen einst hervorgerufen haben.