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04.10.2006

Rätselhaftes Meisterstück

Rätselhaftes Meisterstück

Claudio Monteverdi galt als pragmatischer Komponist. Wie die meisten zeitgenössischen Kollegen schuf er seine Werke nicht zum Spaß und Zeitvertreib, sondern hatte konkrete Ziele und Aufträge, die er damit erfüllen wollte. Die "Vespro della Beata Vergine" (1610) etwa widmete er Papst Paul V., durchaus mit dem Hintergedanken, wohlmöglich Unterstützung bei der Suche nach einer einträglicheren Stelle als der zu bekommen, die er am Hofe des Herzogs Vincenzo Gonzaga in Mantua bekleidete. Nichtsdestotrotz komponierte er damit eines der Meisterwerke des Frühbarocks.

Gelernt hatte Claudio Monteverdi (1567-1643) in Cremona in der Kantorei der Kathedrale, seine erste professionelle Anstellung fand er 1590 als Violaspieler im Dienste des Herzogs von Mantua. Es war keine schlechte Position, die dem jungen Mann ermöglichte, systematisch seine Kenntnisse auch als Komponist zu vergrößern. Tatsächlich kam er in den folgenden Jahren viel in Europa herum, lernte im Gefolge des Potentaten beispielsweise die flämischen Schule vor Ort kennen und stieg Schritt für Schritt bis 1602 zum Hofkapellmeister auf. Zugleich wuchs sein Ansehen als Komponist, der sich etwa mit den Madrigalbüchern einen festen Platz in der höfisch-urban geprägten Musikszene der Spätrenaissance erarbeitete. Als schließlich der Herzog 1613 starb, reichte Monteverdi seinen Rücktritt bei Hofe ein und wurde prompt bei der Konkurrenz in Venedig auf die renommierte Stelle des Maestro di capella an San Marco engagiert, der damals wichtigsten geistlichen musikalischen Institution in Italien nach der päpstlichen Kapelle. Trotz der veränderten Lebenssituation schuf er weiterhin sowohl geistliche wie auch weltliche Werke und leitete auf diese Weise den Übergang der italienischen Schule von der klassischen Vokalpolyphonie der Renaissance zur neuen Monodie ein, dem Sologesang im Anschluss an antike Vorbilder. So gehört Monteverdi bis heute zu den zentralen musikalischen Persönlichkeiten seiner Zeit - und gibt noch immer Rätsel auf.
 
Denn ein Werk wie die "Vespro della Beata Vergine" bringt selbst einen Spezialisten für Alte Musik wie Paul McCreesh durch seine Vielschichtigkeit und historische Herkunft ins Schwitzen. Seit einem Vierteljahrhundert führt er es bereits auf der Bühne auf, doch erst jetzt wagte er, das geistliche Meisterstück mit einer Aufnahme zu dokumentieren. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: "Ich bin immer noch verblüfft darüber, wie wenig wir eigentlich davon wissen. Natürlich ist die Musik an sich bereits atemberaubend. Aber sie wirft darüber hinaus so viele Fragen auf. Alle wichtigen Probleme der Alten Musik werden hier angesprochen: Ist es ein singuläres Werk oder zusammengestellt aus vorhandenen Einzelteilen? Wurde es für Chor oder für Einzelstimmen geschrieben? Wie viel sollen die Instrumente spielen? Dann gibt es zahlreichen Probleme mit der Druckausgabe von 1610, die von typographischen Irrtümern über mehrdeutige Bühnenanweisungen bis hin zu den Fragen nach dem Auftrag oder der Funktion reichen. Vor allem aber ist es ein Werk, das die Instrumentalisten ebenso fordert wie die Zuhörer, Vorurteile aufzugeben und die Musik als frisch und unverbraucht wahrzunehmen". Die Aufnahmen entstanden im vergangenen November in der Tonbridge Chape zusammen mit McCreeshs langjährigem Ensemble für historische Aufführungspraxis, dem Gabrieli Consort & Players. Dabei legte er besonderen Wert auf eine möglichst klare Klanggestalt bis hin zu zwei eigens für die Aufnahme nach rekonstruierten Klangvorstellungen Monteverdis angefertigten Violinen. Das Resultat ist eine in jeder Hinsicht vorbildliche Einspielung eines Glanzstückes geistlicher Komponierkunst, dessen Bedeutung mit jeder Note der Aufnahme zu spüren ist.