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20.09.2006

Osvaldo Golijov - Am Puls des Lebens

Osvaldo Golijov - Am Puls des Lebens

Der gebürtige Argentinier lebt seit 1986 in den USA, wo er mittlerweile zu den erfolgreichsten Gegenwartskomponisten zählt. Golijov folgt beim Komponieren nach eigener Aussage einer "Logik, die vom Herzen kommt und Gefühle ernst nimmt." Seine Musik wendet sich "an alle Menschen und nicht nur an einen kleinen Kreis von Spezialisten."

Osvaldo Golijov wurde 1960 im argentinischen La Plata als Sohn eines russischen Arztes und einer rumänischen Pianistin geboren. Er wuchs mit europäischer Klassik, jüdischer Sakralmusik und Klezmerklängen auf. Besonders prägte ihn auch der Tango Astor Piazollas, über den er später äußerte: "Mit ihm lernte ich zum ersten Mal einen lebenden Komponisten kennen, dem es gelang, eine Verbindung zwischen seiner Musik und dem Leben in Buenos Aires herzustellen. In seinen Werken erkannte ich erstmals, wie man Leben in Musik verwandeln kann und wie wichtig das ist." 1983 verließ Golijov sein von der Militärjunta beherrschtes Heimatland, da er dort keine Chance für die Demokratie mehr sah und emigrierte nach Israel. Hier studierte er Komposition bei Mark Koptyman und kam überdies mit arabischer, jemenitischer sowie armenischer Musik in Berührung. Dabei wurde ihm klar, daß er auch bei der Musik dieser Kulturen anknüpfen mußte, um seinen eigenen Weg zu finden. 1986 ging Golijov in die Vereinigten Staaten, um bei George Crumb zu studieren. Dieser ermutigte ihn, auf seinem unakademischen Weg weiterzugehen, was zu dieser Zeit auch in den USA noch keineswegs selbstverständlich war.

Anfang der 90er Jahre führte das Kronos Quartett Golijovs Musik zu ersten Erfolgen. Den internationalen Durchbruch brachte dann die Premiere seiner von kubanischen Rhythmen geprägten Markus-Passion, ein Auftragswerk Helmut Rillings zum Bach-Jahr 2000. Nur drei Jahre später wurde Golijovs Oper Ainamadar in den USA uraufgeführt und vom Publikum wie der Presse gleichermaßen begeistert aufgenommen. Das Werk, in dessen Zentrum der spanische Dichter Frederico García Lorca und dessen Ermordung durch die faschistischen Falangisten im Jahr 1936 steht, berührt durch starke Emotionalität. Golijov verwendet hierin Elemente des Flamenco, moderner Popularmusik, aber auch der reichen Tradition der europäischen Oper von Monteverdi bis Puccini. Dabei vollbringt er das Wunder, doch immer er selbst und ein echter Künstler zu bleiben. Mit Ainadamar hat Golijov ein neues Kapitel in der Geschichte der Oper aufgeschlagen und beispielhaft gezeigt, wie man auch breiteste Hörerkreise für das zeitgenössische Musiktheater gewinnen kann. Die soeben bei der Deutschen Grammophon erschienene CD-Einspielung stellt dieses bahnbrechende Werk in einer exzellenten Einspielung vor. Es handelt sich dabei bereits um die zweite Golijov-CD des traditionsreichen Gelb-Labels innerhalb kurzer Zeit. Die erste ermöglichte das Kennenlernen des Vokalzyklus' Ayre, der in vieler Hinsicht mit Luciano Berios Folk Song-Album vergleichbar ist. Golijovs Ayre enthält Bearbeitungen sephardischer, arabischer und christlicher Lieder aus dem Spanien des Mittelalters, in dem Juden, Araber und Christen noch weitgehend friedlich zusammen lebten. In Ayre setzt der Komponist verschiedenste Gestaltungsmittel ein, von Renaissance-artiger Tonalität und Schlichtheit über arabische Popmusik-Elemente bis hin zu moderner Elektronik. Dabei benutzt Golijov auch gelegentlich gesampelte Klänge vom Laptop, den er als ein "Musikinstrument des 21. Jahrhunderts" versteht.

Die multiethnische Polystilistik dieses bemerkenswerten Komponisten wirkt absolut zeitgemäß und aktuell. Dennoch ist Golijov kein Avantgardist, zumindest nicht im landläufigen Sinne. Seine Musik klingt nicht nach Darmstadt oder Donaueschingen. Aber sie hat auch nicht viel mit New-Age-Music oder rückwärtsgewandter Neoromantik zu tun. Golijov schreibt keine gefälligen Klangtapeten oder Stilkopien, sondern echte, lebendige und eigenständige Musik, die vom Herzen kommt und zu Herzen geht. Vorausgesetzt natürlich, daß man ihr ohne ideologische Scheuklappen und vorurteilslos zuhört.