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06.09.2006

Helden, Fischer und schöne Frauen

Helden, Fischer und schöne Frauen

Opern sind immer ein Ereignis. Besonders nachhaltig aber bleiben sie in Erinnerung, wenn sich zu den musikalischen Grundlagen auch noch hervorragende Interpretationen gesellen, die die Qualität der Vorlagen optimal unterstreichen. Die umfassenden Archive der Deutschen Grammophon, der Decca und der Philips sind zum Glück voll von solchen Glücksmomenten. So sind beispielsweise in der Herbstrunde der Reihe "The Originals" drei Klassiker am Start, die bereits zu den Standards der Tonträgergeschichte gehören: Die berühmte Aufnahme von Benjamin Brittens "Peter Grimes" mit dem Komponisten selbst am Pult, der legendäre "Parsifal" des Hans Knappertsbusch und Richard Strauss' schillernde "Arabella" und der Leitung des jungen Georg Solti.

Eine Zeitlang hatte Benjamin Britten sich als Bohemien in New York versucht. Doch er fühlte sich nicht wohl in dieser Rolle und auch die Pläne für seine nächste Oper kamen nicht recht voran. Gemeinsam mit seinem Freund Peter Pears zog er weiter nach Kalifornien, wo sich endlich die erwünschte Ruhe einstellte. Dort stieß er auch auf einen Text des britischen Dichters George Crabbe namens "The Borough", der unter anderem von dem raubeinigen Fischer Peter Grimes erzählte. Britten und Pears waren von der Figur fasziniert, veränderten sie im Sinne eines sozialkritischen Werkes und so entstand die Grundlage für die Oper "Peter Grimes". Zurück in England 1942 wurden die Pläne konkreter, der Librettist Montagu Slater verfasste nach einigem Hin und Her ein passendes Buch und die Uraufführung am Sadler's Wells Theater wurde ins Auge gefasst. Das Stück wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen, besonders kritische Kritiker fassten die Geschichte um den an den Gerüchten seiner Umwelt und einem Unglück scheiternden Fischer Grimes gar als "konventionelles Rührstück" auf. Trotzdem wurde es zu einer der erfolgreichsten englischen Opern des 20.Jahrhunderts. Und mit dem steigenden Ruhm des Komponisten wurde es auch notwendig, eine gültige Aufnahme zu schaffen. Im Dezember 1958 versammelten sich in der Londoner Walthamstow Assembly Hall eine illustre Schar Künstler und die damals weltweit führenden Tontechniker der Decca und machten sich ans Werk. Britten dirigierte Orchester und Chor des Royal Opera Houses, Peter Pears übernahm die Titelrolle und es entstand ein LP-Klassiker, der längst zur Operngeschichte geworden ist.
 
Hans Knappertsbusch war ein Dirigent der alten Schule, dem die Fans ehrfürchtig zu Füßen lagen. Geboren 1888 in Elberfeld, debütierte er als Orchesterleiter 1910 in Mühlheim an der Ruhr, assistierte in Bayreuth und war schon als junger Mann vom Wagner-Kult der Vorkriegsjahre gefangen. Über Wuppertal, Leipzig und Dessau gelangte er nach München, wo er 1922 die Nachfolge Bruno Walters als Generalmusikdirektor antrat. Rund vierzehn Jahre später ging er nach Wien, arbeitete dort bis Kriegsende an der Oper und bei den Philharmonikern. Seine großen Triumphe aber feierte er in den fünfziger Jahren. Mit dem "Parsifal" unter seiner Leitung wurden die Bayreuther Festspiele 1951 wieder eröffnet. Und das Werk blieb bis zu seinem Tode 1965 eines der zentralen Interessen seiner musikalischen Beschäftigung mit Wagner. Das symbolträchtiges Altersopus voller philosophischer Anspielungen gehörte daher zu den besonderen Repertoire-Schwerpunkten des Dirigenten. Von Bayreuths Neustart an leitete er es mit nur wenigen Unterbrechungen bis hin zum Jahr der Aufnahme 1962 und die karge Inszenierung von Wieland Wagner ergänzte sich gut mit Knappertsbuschs Vorstellung von innerer Tiefe der Musik. Darüber hinaus hatte er hervorragende Solisten und ein erfahrenes Ensemble zur Verfügung. Hans Hotters Gurnemanz gilt noch heute als ideale stimmliche Umsetzung der Rolle. Gustav Neidlinger konnte seine Klingsor mit den Alberich-Erfahrungen aus dem "Ring" füllen. George London sang den Amfortas von 1951 an mit wachsender Nachdrücklichkeit, Irene Dalis (Kundry) war schon als Ortrud im Bayreuther "Lohengrin" aufgefallen. Die "Neulinge" Jess Thomas (Parsifal) und Martti Tavela (Titurel) schließlich wurden sorgfältig ins Klangganze integriert, so dass schließlich ein "Parsifal" entstand, der mit der Kraft der alten Schule in die bewegenden sechziger Jahre leitete.
 
Richard Strauss war eine Figur des Übergangs von der Spätromantik zur Moderne. Seine Art, mit dem Orchester umzugehen, veränderte die Vorstellungen von Klanggestaltung im Allgemeinen und seine Vorliebe für komplexe und philosophisch geprägte Themenstellungen, die er musikalisch umzusetzen versuchte, führte einen ungewohnten und vielfarbigen Motivkomplex in die Tonsprache der Jahrhundertwende ein. Die Oper "Arabella" von 1933 gehört dabei zu seinen späten Werken und fällt in die Phase eines politisch folgenreichen Übergangs, der für den inzwischen in Garmisch ansässigen Altmeister schließlich im Wunsch nach Auswanderung in die Schweiz gipfelte. Die Oper jedoch ist noch ganz im unbeschwerten Stil des glücklich endenden Melodrams gehalten und erzählt die Liebeswirrungen um die schöne Tochter Arabella eines spielsüchtigen Aristokraten, die schlussendlich den richtigen Mann findet. Für den jungen Georg Solti war die Farbenpracht des Werkes eine Möglichkeit, im Wiener Sofiensaal des Frühjahrs 1957 seine Kunst als Dirigent zu präsentieren. Die Wiener Philharmoniker auf der einen Seite und ausgezeichnete Solisten wie Hilde Guede in der Titel/Doppelrolle Arabella/Zdenka und George London als deren Verehrer Mandryka auf der anderen sorgten dafür, dass aus der Aufnahme ein Opernereignis wurde, das trefflich die Reihe der "Originals" schmückt.