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16.08.2006

Mezzo Mozart

Mezzo Mozart

Magdalena Kožená singt Mozart auch mit einer Idee Wehmut in der Stimme. Denn sie weiß, dass das Repertoire für ihre Lage zwar herausragend, aber im Umfang beschränkt ist. "Ach, ich wünschte, Mozart hätte etwas länger gelebt und mehr für Mezzosopran geschrieben", meint die tschechische Starsängerin am Ende eines Interviews. Denn auch wenn sie sich eigentlich nicht als spezielle Mozart-Interpretin versteht, waren es doch häufig Melodien der Salzburger Genius, die sie künstlerisch vorangebracht haben. Deshalb liegt es nahe, dass sich Kožená im Jubeljahr mit einem eigenen Arien-Album vor dem Meister der musikalischen Harmonie verneigt.

Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit, Stimmen zu transponieren. Aber das widerstrebt Magdalena  Kožená: "Das könnte ich nicht! Es wären andere Stücke. Mozart hat in einer bestimmten Tonart geschrieben, weil er einen speziellen Klang erzeugen wollte. Sicher, im 19. Jahrhundert bearbeitete man alles so, wie es einem passte. Ich weiß nicht, ob ich mich damit der historischen Aufführungspraxis verschreibe, aber ich würde mich einfach nicht wohl fühlen mit einer transponierten Arie." In gewisser Hinsicht hat es Kožená leicht, denn sie kann sich diesen Luxus einer möglichst authentischen Musikauffassung leisten, weil sie mit ihrem Partner Sir Simon Rattle nicht nur einen großartigen Dirigenten an ihrer Seite weiß, sondern mit dem von ihm gegründeten Orchestra of the Age Of Enlightenment auch eines der führenden Ensembles der internationalen Originalklangszene zur Verfügung hat. "Ich muss zugeben", meint sie daher, "dass ich mich nicht wohl dabei fühlen würde, einige der Arien mit einem modernen Orchester zu singen, weil mir die moderne Stimmung nicht so liegt. Wenn ich mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment singe, das auf 430 Hertz gestimmt ist, sind die Farben anders, alles ist weniger aggressiv, klingt samtiger und gibt mir mehr Freiheit der Interpretation. Das Entscheidende ist und bleibt für mich, dass die Musiker die Musik so spielen, wie ich sie letztlich auch empfinde. Mit diesem Orchester ist es einfach ideal".
 
Wohlmöglich ist es aber auch die Art der Arbeit, die Kožená besonders liegt. Denn seit sie im Frühjahr 2003 in Glyndebourne den Dirigenten Sir Simon Rattle kennen lernte und beide feststellen mussten, dass sie mehr als nur der "Idomeneo" verbindet, haben die Mezzo-Sopranistin aus Brno und der Maestro aus Liverpool zahlreiche gemeinsame Projekte verwirklicht. Zwischen ihnen besteht diese besondere Spannung wortloser Übereinkunft in künstlerischen Fragen, die es ermöglicht, trotz hoher interpretatorischer Ansprüche ein großes Maß an Freiheit zu lassen. Rattle meinte, oft habe er gar nicht gewusst, welche Kadenz Kožená für die folgende Arie ausgewählt habe, aber trotzdem seien sie mit wunderbarer Sicherheit am gemeinsamen musikalischen Ziel angelangt. Wahrscheinlich ist es auch das, was man den im Dezember 2005 in London entstandenen Aufnahmen anhört. Sie wirken zum einen grandios in der Umsetzung, perfekt in Farbgestaltung, Duktus und Gesamterscheinung, auf der anderen Seite aber ungemein lebendig und persönlich, als habe Mozart die tschechische Mezzo-Sopranistin und das britische Orchester bei der Erfindung seiner Melodien bereits als als Wunschbesetzung gedacht. Darüber hinaus empfindet Rattle seinen Gesangsstar inzwischen als nahezu ideale Besetzung für die Rollen, die sehr gemischt aus Opern-Klassikern wie "Le Nozze di Figaro", "Idomeneo" und "Cosi fan tutte", aber auch aus erst seit einigen Jahren geläufigeren Werken wie "La Clemenza di Tito" ausgewählt wurden: "Mozarts Musik ist ihr zur zweiten Natur geworden, so tief hat sie den Stil verstanden. Grandios ist die Verinnerlichung der Charaktere: Jede Frau auf dieser CD ist eine ganz eigenständige Persönlichkeit". Und so ist "Mozart Arias" nicht nur ein Album von vielen, das im Rahmen des Jubiläumsjahres 2006 auf den Markt geworfen wird. Im Gegenteil, es ist ein echter Glücksgriff. Denn es hat alles, was eine kongeniale Interpretation braucht: Emotion und Verständnis, Perfektion und Freiheit, Inspiration und ein kleines Augenzwinkern, nicht jede musikalische Phrase ernster als nötig zu nehmen, dafür aber so ehrlich wie möglich zu präsentieren.