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09.08.2006

Die Dreigroschenoper

Die Dreigroschenoper

Die "Dreigroschenoper" war ein typisches Kind der Zwanziger. Ein bisschen verkehrte Welt, etwas Sozialkritik, ein Hauch von Klassenkampf, dazu die morbide, fatalistische, aber auch utopische Grundstimmung, die der Erste Weltkrieg in der Kunst hinterlassen hatte. Sie wurde ein großer Erfolg, krempelte mit Understatement die Berliner Unterhaltungsszene um. Aber sie war auch ein problematisches Werk, denn viel konnte hinein interpretiert werden, das eigentlich nicht darin stand. Deshalb dauerte es bis 1968, bis endlich eine Aufnahme entstand, die nicht nur Songs oder Potpourris der Lieder enthielt, sondern auch die gesprochenen, zum Verständnis unabdingbaren Dialoge. Ein halbes Jahrhundert nach Bertolt Brechts Tod am 14. August 1956 ist diese legendäre und umstrittene Einspielung nun auf CD wieder erhältlich - ein besonderes Vermächtnis.

Vieles war anders an der "Dreigroschenoper". Zunächst gab es weder eine klare Vorstellung vom Zielpublikum, noch von den Aufgaben der Beteiligten, die bei dem Werk auf der Bühne standen. Bertolt Brecht jedenfalls schrieb Texte, die ohne große poetische Verschlüsselung verständlich waren, noch am ehesten durch Sarkasmus oder Ironie geprägt. Kurt Weills Melodien wiederum luden zum Mitsingen ein. Die "Moritat von Mackie Messer" wurde gar ein Hit, von Varietés nachgespielt, von Jazzmusikern adaptiert. Das Autorenteam nun stellte sich Darsteller vor, die vor allem die Rollen glaubwürdig umsetzen konnten, was zwar eine gewisse gesangliche Grundbildung voraussetzte, aber keine weiteren hochkulturellen Opernqualifikationen. Schließlich gehörte es zu den Ideen des epischen Theaters, möglichst nah an der Wirklichkeit zu bleiben, wenn auch nicht, sie originalgetreu abzubilden. Effekte waren daher auf die Bühne beschränkt und die Wirkung dieser Mischung war beachtlich. Immerhin blieb das Stück von der Premiere am 28.August 1928 am Berliner Schiffbauerdamm-Theater an weitere fünf Jahre im Programm und gehörte zu den subkulturellen Hits der ausgehenden Zwanziger. Es wurde jedoch kaum auf Tonträger verewigt, von der verschollenen Aufnahme der Premiere, die Theo Mackeben musikalisch betreut hatte, und einigen wenigen Einspielungen einzelner Lieder abgesehen, sie in den Nachkriegsjahren entstanden.
 
Erst 1968 wendete sich das Blatt. Mehrere Voraussetzungen hatten sich verändert. Zunächst hatten die Witwen von Brecht und Weill, Helene Weigel und Lotte Lenya, die von Berlin und New York aus über den Nachlass ihrer Künstlermänner wachten, sich bereit erklärt, eine umfassende Aufnahme, die auch die gesprochenen Texte umfassen sollte, zu genehmigen und mit zu betreuen. Darüber hinaus hatte sich unter der Federführung der Polydor ein Team zusammen gefunden, dass ebenso markant wie individuell mit den Rollen umzugehen versprach. Es bestand aus Schauspielern, Barden, Sprechern und Musikern, die allesamt eine wirkungsvolle, aber nicht vorrangig effektorientierte Umsetzung des Stoffes im Sinn hatten. Peachum etwa wurde von Helmut Qualtinger verkörpert, der als Original die österreichische Kulturszene durchwirkte. Franz Josef Degenhart mimte den Moritatensänger, Macheath wurde vom Hannes Messemer und Polly Peachum von Karin Baal gespielt. In weiteren Rollen kamen außerdem Hans Clarin, Berta Drews, Martin Held und sogar Karl-Heinz Köpke zum Zuge. Für die musikalische Bearbeitung wurde ein junger und hochangesehener Arrangeur names James Last ausgewählt. Die Wahl erwies sich als durchaus publikumsnah, denn er legte bei den weniger als Partitur, denn eher als Arbeitsanweisungen verstandenen Klangvorgaben Weills vor allem auf das melodische Element Wert. So konnte anno 1968 ins Studio gegangen werden und es entstand die erste vollständige Einspielung der "Dreigroschenoper", geprägt vom Bedürfnis nach Klarheit einerseits und Originalität auf der anderen Seite. Sie wurde ein Klassiker, der viel Diskussion über die Umsetzbarkeit des Werkes nach sich zog, schlussendlich aber als gelungenes Experiment in die Annalen der Tonträgergeschichte einging.

Mehr Informationen zur Aufnahme, dem Arrangeur von 1968 - James Last - und zum Gewinnspiel zur Dreigroschenoper finden Sie hier.