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26.07.2006

Heine und Jazz: "Den Himmel überlassen wir den Engeln - und den Spatzen"

Heine und Jazz: Den Himmel überlassen wir den Engeln - und den Spatzen

Die Zeit war günstig und es lag in der Luft. Der Jazz hatte als eine der produktivsten Musikformen des 20.Jahrhunderts sich vom Dogma der Unterhaltungskunst befreit, war drauf und dran einerseits die Fesseln des Formalen in neu erreichter Freiheit zu sprengen, auf der anderen Seite sich zur Kunst aufzuschwingen. Namen wie John Coltrane, Miles Davis, Charles Mingus wurden mit Ehrfurcht genannt, umgeben von der Aura des Kreativen, Subversiven. Man suchte an allen Ecken nach Neuem und fand es auch in der Verbindung mit der gebundenen Sprache. In den USA waren des Autoren wie Leroy Jones oder Gil Scott-Heron, die der Kombination Jazz und Lyrik eine soziale, politische Sprengkraft verliehen. In Deutschland ging man andere Wege und experimentierte mit der Einbindung der Tradition in die Improvisation. Vieles ging schief, einiges kam schnell wieder aus der Mode, doch manches geriet auch zu Unrecht in Vergessenheit, so wie das Projekt "Heinrich Heine - Lyrik und Jazz", das nun als Hörjuwel zum Heine-Jahr wiederveröffentlicht wurde.

"Jetzt verjazzen sie auch noch den Heine! Ich weiß wirklich nicht, was soll es bedeuten. War dieser zarte Heine etwa ein zorniger junger Mann? Ein Beatnik mit Blauer Blume? Ja, Herrschaften, er war es!" Schon der Klappentext der Originalausgabe der Heine und Jazz-Aufnahme von 1966 war sich bewusst, dass hier unsicheres Terrain beschritten wurde. Schließlich trafen zwei Extreme aufeinander, von denen man nicht sicher sein konnte, dass sie sich auch wirklich vertragen hätten, wären sie zur gleichen Zeit auf der Bildfläche erschienen. Auch der Jazzpapst, Produzent und Urheber des Projektes Joachim-Ernst Berendt wusste um die Problematik des Sujets und sorgte dafür, dass vorsorglich der ironisch-zornige Dichter aus dem 19. Jahrhundert zu den progressiven Musikern des 20.Jahrhunderts in das passende Verhältnis gesetzt wurde. Heine der Modernist, der Vertriebene, der aufmerksame Beobachter der Aporien seiner Epoche, der Unkonventionalist, der lieber in der Welt herumreiste, als seine Meinung vereinnahmen zu lassen. Berendt hatte sich tief vergraben in die Welt des Dichters und zahlreiche bekannte und überraschende Verse zusammengestellt, in poetischer, wenn auch nicht immer gereimter Sprache. Er hatte sich mit Gert Westphal einen Sprecher ausgesucht, der die Texte mit den nötigen Mischung von Wut und Eleganz, Lakonik und Nonchalance vortragen konnte. Und er ließ alle seine Beziehungen spielen, um auch auf dem Niveau der Musik die besten Instrumentalisten der heimischen Szene versammeln zu können.

Da war zunächst Attila Zoller, geborener Ungar, über Wien nach Deutschland emigriert, einer von denen, dessen Gitarrenspiel weit über die Grenzen Europas hinaus als innovativ und inspiriert anerkannt war. Ihm wurde die musikalische Leitung von "Heinrich Heine - Lyrik und jazz" übertragen. Als Band bekam er ein ausgezeichnetes Quartett zur Seite gestellt mit Emil Mangelsdorff, dem jüngeren Bruder des avantgardistischen Albert, an Flöte, Saxofon in Klarinette, der versiertesten jungen Kontrabassisten Deutschlands Peter Trunk und dem Schlagzeuger Klaus Weis, der damals hierzulande als der amerikanischste Drummer seiner Generation galt. Vorgaben gab es kaum, allerdings versuchten die Musiker, den Texten auf künstlerisch vertretbare Weise entgegen zu kommen, indem sie zuweilen klassische oder volksliedhafte Motive integrierten. Im Kern jedoch war die Musik neu, lebte von der Spontaneität der Beteiligten, denen es tatsächlich gelang, die Worte des Dichters mit einem klangkünstlerischen Rahmen zu umgeben, der die Souveränität der Verse nicht behinderte, sondern beflügelte. Aufgenommen im April 1964 in Hamburg entstand auf diese Weise eine Würdigung Heinrich Heines, die weitab von den üblichen Jubilatien sich dem Phänomen einer Poesie näherte, indem sie sie in einen ungewohnten produktiven Zusammenhang stellte. Und das ist eigentlich ein Merkmal von Kunst, wie man auch im Original-Booklet lesen konnte: "Heine/Zoller: Das ist eine Abhöraffäre ersten Ranges. Innerhalb der künstlerischen Legitimität".