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12.07.2006

James Galway - Berliner: Der Ire der Mommsenstraße

James Galway - Berliner: Der Ire der Mommsenstraße

Wenn jemand seine Zeit bei den Berliner Philharmonikern als seine wilden Jahre ansieht, dann muss er schon ein Original sein. Der Ire James Galway ist einer der herausragenden Flötisten der vergangenen Jahrzehnte und darüber hinaus einer der wenigen Spezialisten seines Fachs, der mühelos und erfolgreich vom Orchestergraben auf die Position des Solisten mit internationaler Karriere gewechselt hat. Dabei sieht er jedoch seine Zeit unter Herbert von Karajan noch immer als die entscheidenden Jahre an, die schließlich aus dem guten einen herausragenden Musiker gemacht haben.

James Galway kommt aus Belfast. Geboren 1939, wird er in einer Zeit der Umwälzungen groß. Davon unberührt allerdings bleibt die musikalische Tradition seiner Heimat, in der Flöten zu den zentralen Instrumenten gehören. Galway hat seinen Spaß an diesem Klang, gewinnt als Zwölfjähriger seinen ersten regionalen Wettbewerb und steigt von da an zielstrebig die Erfolgsleiter hinauf. Erst Royal College und Guildhall School in London, dann ein Stipendium, das ihm 1960/1 die Möglichkeit gibt, in Paris beim Übervater der flötenden Moderne Jean-Pierre Rampal seine Technik zu perfektionieren. Vom Orchester des Royal Shakespeare Theatre wechselt er bald nach Covent Garden und wird erst dort, dann beim Royal Philharmonic Orchestra zum Solo-Flötisten. Schließlich wurde er 1969 von den Berliner Philharmonikern engagiert, allerdings nicht ohne ein wenig Querelen. Denn zunächst behandelte man ihn beim Vorspielen wie einen Anfänger, was dazu führte, dass Galway verschnupft wieder noch London fuhr. Dort allerdings klingelte alsbald das Telefon und die Herren Künstler entschuldigten sich indirekt bei ihrem irischen Gast, indem sie ihm das einstimmige Votum des Orchesters für seine Rolle als Solo-Flötist mitteilten. Galway ließ sich überreden, erschien zunächst für eine Probezeit von einem Monat, blieb aber dann sechs Jahre. Dabei faszinierte ihn nicht nur die Perfektion des Ensembles, sondern auch die Lebenswelt des geteilten Berlins, dessen Alltags- und Subkultur große Faszination ausstrahlten. So wie er häufig in Freizeitkleidung zu den Proben erschien, so ließ er es sich nicht nehmen, allwöchentlich mit Freunden und Nachbarn der Mommsenstraße  zu kicken, zu kochen und das Flair der umgrenzten Freiheit dieser Stadt zu genießen.
 
Galway wurde zu einem Aushängeschild der Philharmoniker. Sein romantisch warmer und zugleich klar präsenter Ton passte perfekt in die Klangvorstellung Herbert von Karajans, der wiederum durch den Iren die Möglichkeit bekam, manches große Werk der Flötenliteratur umzusetzen. So entstanden von 1970 an zahlreiche Aufnahmen von Grieg bis Richard Strauss, die von diesem speziellen Sound der Flöte geprägt sind. In der Rückschau empfindet Galway die Arbeit mit dem Dirigenten als außerordentlich und inspirierend: "Er war ein akribischer Arbeiter, ein Perfektionist, ein engagierter Prober und gleichzeitig ein Meister der Improvisation. Und er war ein Genie der Aufnahmetechnik". Das hört man bis heute, wenn man sich mit der Zusammenstellung "Ich war ein Berliner" beschäftigt. Galway widmet sich dabei einer Reihe von Standards des Repetoires etwa aus der "Peer Gynt" Suite, aus Bizets "Arlésienne", Bachs "h-Moll Messe"  oder auch Verdis "Aida" und Strauss "Salome". Darüber hinaus kann man ihn in kleineren Besetzungen mit Werken von Danzi und Reicha erleben. Allen Einspielungen gemeinsam ist jedenfalls dieses besondere Gespür für Klang, das er sich aus dem Irischen in die moderne Konzertmusik hatte retten können. "Ich war ein Berliner" ist daher nicht nur ein Erinnerungsalbum für die Zeitgenossen des unkonventionellen Künstlers, sondern zugleich eine nachgerade ideale Hinführung an den subtilen Sound eines Instrumentes, das mit seinem Klang bezaubern kann.