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28.06.2006

Adolphe Adam - Giselle: Armes Mädchen, mutiger Geist

Adolphe Adam - Giselle: Armes Mädchen, mutiger Geist

Es ist Musik, die schnell ins Ohr geht. Dafür war Adolphe Adam auch bekannt, schließlich gehörte er zu den produktivsten französischen Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rund 40 Opern und ein gutes Dutzend Ballette hinterließ er der Nachwelt, wobei "Giselle" zu seinen berühmtesten Werken zählt. Jeder Tänzer und jede Ballerina kennt diese Klänge, denn sie gehören zu den Grundlagen des klassischen Tanztheaters. Herbert von Karajan hat sich Anfang der 1960er Jahre dem Werk angenommen und es in Originalinstrumentierung zusammen mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen.

Er war ein freundlich blickender Mann mit Bart und Brille, einer von den mondänen Franzosen mit profundem Gespür für niveauvolle Unterhaltung. Geboren 1803 in Paris, ausgebildet bei Anton Reicha und François-Adrien Boieldieu, machte Adolphe Adam sich bereits in Studentenjahren einen Namen als einfallsreicher Komponist. Von 1849 an hatte er eine Professur für Klavier am Pariser Konservatorium inne, intensiv widmete er sich vor allem der Kirchen- und Bühnenmusik. Seine Opern gestaltete er in der Tradition der Opéra Comique, seine Ballette erfreuten das Pariser Publikum durch ihre Leichtigkeit. Aus heutiger Sicht gilt der 1856 früh verstorbene Adam nicht nur als einer der wichtigsten Ballettkomponisten des 19. Jahrhundert, sondern auch als Wegbereiter der Operette, der er durch seine charmanten Melodieführungen zum Vorbild wurde. Viele seiner Werke wie auch "Giselle" waren allerdings Auftragsproduktionen, die bereits mit klaren Vorgaben an ihn herangetragen wurden. Der Stoff des Bühnengeschehens stammte aus der deutschen Sagenwelt, die der Theatermann Théophile Gautier durch die Lektüre von Heinrich Heines "Über Deutschland" kennen gelernt hatte. Er war dabei auf die so genannten Wilis gestoßen, die Geister junger Mädchen, die vor der Hochzeit ums Leben gekommen waren und nun auf nebligen Feldern bei Mondschein ununterbrochen tanzen mussten. Gautier reizte dieser Stoff, doch er fand zunächst niemanden, der daraus eine stimmige Vorlage schnitzen konnte, die ein ganzes Ballett tragen würde.
 
Erst als Gautier dem Librettisten Vernon de Saint-Georges davon erzählte und dieser ihm einen cleveren Vorschlag zum Handlungsablauf mache, nahm das Projekt um 1840 Gestalt an. Der Textprofi schaffte es durch ein paar Ergänzungen den ursprünglich durchaus kompliziert herzustellenden Zusammenhangs von Geisterwesen und dessen Vergangenheit zu vereinfachen, indem er zwei verschiedenen zeitliche Ebenen einführte: die des Bauernmädchens Giselle, das aus missverstandener Liebe wahnsinnig wird und stirbt und die des Wilis-Geistes, der gegen den Willen der Geisterkönigin Myrthe mit seinem Handeln den früheren Geliebten vor dem Tod bewahrt. Das Ganze war derart apart voneinander hergeleitet, dass es sich in einer textlosen Darstellung ausarbeiten ließ. Mit dem der Musik wurde daraufhin Adam betraut, der in vergleichsweise kurzer Zeit ein zweiaktiges Ballett ersann, das am 28.juni 1841 an der Pariser Opéra uraufgeführt wurde. Es entwickelte sich schnell zu einem Renner des Programms, stand bis 1866 auf dem Spielplan, wurde daraufhin allerdings für rund ein halbes Jahrhundert fast vergessen und blieb vor allem durch die russische Ballettschule der Nachwelt erhalten, die "Giselle" zu ihren Standards zählte. Herbert von Karajan sah daher Anfang der sechziger Jahre die Notwendigkeit, das noch nicht hinreichend archivierte Werk zusammen mit einem Orchester von Rang festzuhalten. Er kümmerte sich um eine möglichst kritische Beschäftigung mit dem Notentext, nahm zahlreiche Änderungen zurück, die im Laufe der Jahre an der Partitur vorgenommen worden waren, und bemühte sich um eine möglichst originalgetreue Besetzung, so dass die Aufnahmen, die mit den Wiener Philharmonikern entstanden, soweit als möglich dem entsprachen, was auch die Besucher der Premiere erlebt haben dürften.