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21.06.2006
Johann Sebastian Bach

The Originals - Bach, Grumiaux: Vorn dabei

Johann Sebastian Bach, The Originals - Bach, Grumiaux: Vorn dabei

Für Johann Sebastian Bach stellte die Geige eine besondere Herausforderung dar. Schließlich war er nicht nur eine guter Tasteninstrumentalist, sondern stand in der Tradition einer Familie passabler bis ausgezeichneter Violinisten. Sein Großvater war mit dem Instrument vertraut, der Vater hatte sogar als Stadtpfeifer, also städtisch angestellter Musiker sein Geld verdient. Darüber hinaus war die Geige einem rasanten Wandel der Bau- und Spieltechniken unterworfen, so dass viele Gründe zusammen kamen, um sich an die Komposition von Werken wie den "Sei Solo a Violino senza Basso accompagnato" zu wagen.

Heute ist man es gewohnt, dass ein Geiger sein Instrument zwischen Schulter und Kinn ansetzt. Wenige Jahrzehnte vor Bachs kompositorischen Experimenten hingegen wurden sie noch vor der Brust gehalten. Es waren Koryphäen wie Arcangelo Corelli oder auch Heinrich Ignaz Franz Biber, die aber mit ihren Werken Neues von den Musikern forderten. Weiträumige Lagenwechsel machten einen festen Halt des Instrumentes nötig, Spieltechniken wie Staccato oder schnelles Arpeggieren von Akkorden wiederum erforderte eine harte und sichere Bogenhaltung. Darüber hinaus kamen Glissandi in Mode, Doppelgriffe revolutionierten die Beherrschung komplexer harmonischer Zusammenhänge, überhaupt erweiterte sich der Tonraum der Geige immens, was einherging mit der Perfektionierung des Instrumentenbaus etwa der italienischen Schulen. Bach also fand genügend spannende Aspekte in der Behandlung der Violine, zumal sie zu den Lieblingskindern des barocken Konzertbetriebes gehörte. Darüber hinaus waren für einige Jahre seine Arbeitsbedingungen gut geeignet, um sich ein paar Abschweifungen leisten zu können. Seit 1717 war er als "HochFürstlich Anhalt-Cöethenischer Capel-Meister und Directore derer CammerMusiquen" beim kunstliebenden Fürsten Leopold von Anhalt angestellt, der nicht nur selbst ein brauchbarer Amateurmusiker war, sondern seinem Hofkomponisten viele Freiheiten ließ. Es waren die Jahre um 1720, in denen unter anderem das "Wohltemperierte Klavier (Band 1)", die "Brandenburgischen Konzerte", die "Englischen und Französischen Suiten", aber auch die "Sei Solo a Violino senza Basso accompagnato" entstanden.

Sie waren in ihrer Weise revolutionär. Denn sie entwickelten die in der Diskussion stehenden Spieltechniken nicht nur weiter, sondern perfektionierten sie etwa in der Polyphonie in bislang unbekannter Finesse und forderten den Instrumentalisten eine inhaltlichen Übersicht und technische Kompetenz ab, die alles bislang Dagewesene in den Schatten stellte. Bach gelang es etwa, Vierstimmigkeit zu suggerieren, die nur dadurch entstehen konnte, dass sowohl Komponist wie Interpret gekonnt mit Weglassungen arbeiteten, die vom Gehirn des Hörers wiederum passend ergänzt wurden. Solche immensen Anforderungen an spielerisches Können und Verständnis wiederum schränken die Zahl der gelungenen Darstellungen auf Tonträgern ein. Immer wieder haben sich Musiker daran versucht und manch einem ist auch eine große Interpretation gelungen. Arthur Grumiaux beispielsweise gehörte zu den Pionieren einer modernen Deutung, der Anfang der sechziger Jahre sich an eine Einspielung der "Sei Solo a Violino senza Basso accompagnato" wagte. Jahrgang 1921, noch in der Tradition der französischen, eleganten Schule aufgewachsen, der es vor allem um die Schönheit des Ausdrucks ging, konnte der gebürtige Belgier schon nicht mehr ein romantisch geprägtes Bachbild präsentieren, weil sich bereits die ersten Ansätze einer historisch orientierten Aufführungspraxis zu etablieren begannen. Grumiaux wählte den Mittelweg eines singenden, warmen Tones und einer klaren, schnörkellosen Deutung, die nach mehr als vier Jahrzehnten nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Darüber hinaus wurden für die Ausgabe der Originals auf 2CDs noch zwei weitere grundlegende Werke des Köthener Bachs angefügt. Denn auch die Sonaten für Cembalo und Geige stellen in der barocken Konzertliteratur etwas Besonderes dar, stellen sie doch das üblicherweise als Begleitinstrument eingesetzte Harpsichord als eigenständige, sowohl sekundierende als auch melodische Funktion übernehmende musikalische Stimmen dar. Grumiaux wählte sich für seinen Einspielung die italienische Cembalistin Egida Giordani Sartori an seine Seite, mit der zusammen ihm eine herausragend reflektierte Interpretation der Sonaten BWV 1016 und BWV 1017 gelang.